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Opfer der Stasi : Gehirnwäsche auf dem Schulweg

  • -Aktualisiert am

Michael Beckmann litt im Zuchthaus Naumburg, weil er mit 18 Jahren einen Ausreiseantrag gestellt hatte. Der 51-Jährige erinnert sich.

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          Er spürt die stechenden Blicke der Stasi-Offiziere in seinem Rücken, aber er darf sich nicht umdrehen. In dem fensterlosen, engen Verhörraum verliert der Häftling Michael Beckmann jegliches Zeitgefühl. Das Metallstück an seinem Hinterkopf, einer entsicherten Pistole gleich, kann jederzeit auf ihn schießen, sollte er etwas Falsches tun. „Geben Sie alles zu“, dringen die Offiziere auf ihn ein. Er schweigt. Beckmann war politischer Häftling in der DDR. Er wurde verhaftet und angeklagt, nachdem er mit 18 Jahren einen Ausreiseantrag gestellt hatte. Sein Urteil: 14 Monate Haft, zu verbüßen im Zuchthaus Naumburg. Der 51-jährige Familienvater, der heute in Frankfurt am Main lebt, kam 1965 in Eisenach zur Welt und wuchs am Stadtrand von Ost-Berlin auf. Dort teilte er sich eine Wohnung mit seinen Eltern und seinem Bruder; der Rest der Familie lebte im Westen. Nach dem Mauerbau wurden durch das Transitabkommen die Kommunikationsmöglichkeiten zwischen dem Westen und dem Osten erheblich erleichtert. Einen Visumantrag konnte jeder Einwohner der Bundesrepublik stellen, der grenznah wohnte und ein Gebiet aus den grenznahen Kreisen besuchen wollte, wobei seiner Reise ein zeitliches Limit gesetzt wurde.

          Mitglied, um nicht aufzufallen

          Ansonsten wurde per Telefon oder Briefwechsel kommuniziert, wobei diese von der Stasi überwacht wurden. Der Paketverkehr ermöglichte auch Familie Beckmann, von Verwandten westliche Produkte zu bekommen. Als Junge sah Beckmann am liebsten fern oder hörte Radio, vor allem die verbotenen westlichen Sender. „Was Konsum, Waren und Informationen betraf, waren wir westlich geprägt, als Kind erlebte ich diese Lebensweise als normal.“ So geriet er schon früh in einen inneren Konflikt: Zu Hause wurde freimütig gesprochen und zwischen westlichen Produkten gewählt, auf dem Weg zur Schule oder zur Arbeit endete diese Freiheit. „Da waren wir der Gehirnwäsche ausgesetzt: Wir sind alle gleich, wir reden alle im Stil der sozialistischen DDR.“ Nach außen hin passten sich seine Eltern an. „Sie waren Mitglieder der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands, um nicht aufzufallen. Aber mir war dieses Schauspiel damals schon nicht recht.“ Immer auf der Hut sein und aufpassen zu müssen überforderte den Jungen. „In der vierten Klasse passte einmal meine Großmutter aus dem Westen auf mich auf. An dem Tag kam ich mit eingerissener Hose nach Hause. Sie griff in den Nähkasten und zog wahllos einen Aufnäher heraus: eine US-Flagge.“ Mit seiner so geflickten Lieblingsjeans ging er in die Schule. Zur Begrüßung der Lehrerin mussten alle aufstehen und ihre Fingernägel vorzeigen. Die Lehrerin machte bei dem Zehnjährigen halt, als sie seine Hose sah. Vor dem Hintergrund des Vietnam-Kriegs verurteilte sie ihn als Anhänger der „amerikanischen Imperialisten“. „Nicht alle Amerikaner sind so“, gab das Kind kleinlaut von sich. „Von da an habe ich keine Fragen mehr gestellt. Ich bin in mein Zimmer verschwunden, habe Kopfhörer aufgezogen und mir meine Gedanken gemacht. Ich wollte mir nämlich alles selbst erschließen.“ Sein Verhältnis zu seiner Umwelt änderte sich: „Da war plötzlich diese Skepsis. Kannst du jedem Menschen glauben? Versteht er dich?“ Der 14-Jährige beschloss, nach dem Abitur einen Ausreiseantrag zu stellen. Er versuchte, seine Überzeugung nicht preiszugeben und nur im Stillen kritisch zu bleiben. Doch manchmal verplapperte er sich in hitzigen Diskussionen und zog die Aufmerksamkeit der Lehrer auf sich.

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