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Opfer der Stasi : Gehirnwäsche auf dem Schulweg

  • -Aktualisiert am

Aus Gewissensgründen verweigerte er sich

„Nachdem ich den Ausreiseantrag dann gestellt hatte, ging wirklich das Theater los.“ Seine Eltern wurden von der Stasi befragt. Er wurde sozial isoliert. „Sie hatten mich auf dem Schirm. Ich bekam weder einen Studienplatz noch einen Job. Meine Mutter stellte mich als Zeitungsausträger in der Post ein. Mein einziges Interesse bestand nur noch darin, rauszukommen.“ Während des Parteitages der SED im Jahr 1986 verweigerte Beckmann sich der Arbeit: Aus Gewissensgründen wollte er keine Propagandazeitung mit dem Titel „Die Partei und das Volk sind einer Meinung“ austragen – schließlich traf das auf ihn nicht zu. Am 16. April 1986 wurde der damals 20-Jährige aus dem Elternhaus von der Stasi zur „Klärung eines Sachverhalts“ abgeholt. „Das lief wie in einem billigen Krimi. An der Tür standen zwei Typen mit schäbigen Lederjacken, packten mich am Arm, zerrten mich ins Auto und drückten mir die Augen zu, damit ich die Strecke nicht mitverfolgen konnte.“ Ohne einen Anwalt fanden Verhöre statt; erst vier Wochen nach der Verhaftung durfte er seinen Anwalt sprechen. In einem Fisch-Lastwagen wurde er zum Gericht transportiert. Seine ehemaligen Mitarbeiter, die als Zeugen geladen waren, waren über seinen ausgemergelten Zustand so erschüttert, dass sie in Tränen ausbrachen. „Mir selbst war gar nicht klar, wie schlimm es war. In Handschellen, Fuß- und Bauchkette und von Stasi-Beamten mit blauen Flecken übersät worden, nahm ich an der Verhandlung teil.“ Mit der Verurteilung zum Staatsfeind erklärt, lauteten seine letzten Worte vor dem Richter stur: „Ich will hier raus.“

Zur Abschiebehaft nach Chemnitz

Im Zuchthaus Naumburg, das bereits von den Nazis geleitet worden war, war der 2,06 Meter große Häftling mit Abstand der jüngste unter den 264 Männern. Die Inhaftierten arbeiteten damals unter harten Bedingungen für Ikea und stellten Möbelbeschläge her. „Mörder, Kinderschänder und politische Häftlinge waren alle dabei in diesem Gefängnis. Die politischen Straftäter waren in der Rangordnung die untersten. Mit der Begründung, dass Mörder nur ein Menschenleben auf dem Gewissen hätten und politische Häftlinge potentiell die ganze Gesellschaft.“ Schließlich, an einem Novembermorgen nach der Nachtschicht, hieß es Sachen packen. Der 21-Jährige wurde mit weiteren Insassen zur Abschiebehaft nach Chemnitz transportiert. Für sie bedeutete der ersehnte Befehl die Freiheit. Gleichzeitig erlangte Beckmann Einreiseverbot in die DDR auf Lebenszeit. Seine Reaktion auf die Frage, ob er seine persönlichen Gegenstände mitnehmen wolle, beschreibt er so: „Ich habe alles kaputtgemacht, den Deoroller, die Zahnpasta, alles aus dem Westen, damit die Stasi das nicht in die Hände bekommt. Die haben nämlich schon gierig gelunzt, und ich wollte ihnen das nicht gönnen.“ Von der ersten Station Gießen aus ging es nach Wiesbaden zu seinem Onkel. Der an Wirtschaft Interessierte baute sich eine Karriere im internationalen Bankgeschäft auf. Heute ist er Dozent und Unternehmensberater. „Ich fange langsam an, meine Geschichte zu erzählen und auf Anfragen des Zeitzeugenbüros einzugehen.“ Aus seinen Erlebnissen zieht Beckmann vor allem eine Lehre: „Wir werden über viele Kanäle mit Informationen überflutet, daraus müssen wir filtern, was das Wesentliche, das wirklich Wichtige, ist.“ Er rückt seine Hornbrille zurecht. „Demokratie und Freiheit sind nicht selbstverständlich, sie sind sehr fragil. Wir müssen sie schützen.“

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