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Obdachlos : Unter der Brücke

  • Aktualisiert am

Bild: Christoph Fellehner

Der Mann aus Lettland ist in Berlin gestrandet und obdachlos. Sein Schlafsack, so sagt er, sei jetzt sein Zuhause. Passanten tun so, als ob er unsichtbar sei.

          3 Min.

          Bahnhof Friedrichstraße, Berlin. Es ist laut, es riecht nach Abgasen, und der Boden vibriert minütlich. Der 39-jährige Lette, dessen richtiger Name anonym bleiben soll, zeigt auf seine Schlafecke unter einer Brücke und sagt: „Das ist mein Zuhause.“ Es sind nur ein lila Schlafsack und mehrere einzelne Klamotten zu sehen. Dabei lehnt er sich an eine dreckige, mit Graffiti beschmierte Wand. Ein unwirklicher Ort zum Leben. Er selbst sieht ungepflegt aus, trägt eine zerrissene Jeans und ein zu kleines T-Shirt. Schuhe hat er keine mehr. Die wurden ihm gestohlen. Jeden einzelnen Tag beobachtet der Mann aus dem Baltikum die Menschen. Sie laufen ignorant an ihm vorbei und tun, als ob er unsichtbar sei. „Den meisten Menschen bin ich doch scheißegal“, sagt er. „Seit vier Jahren lebe ich mittlerweile auf der Straße, und bis jetzt sind mir wenige nette Menschen begegnet.“ Dabei seien die Arroganz und Respektlosigkeit das Schlimmste, findet er. „Die Menschen entwickeln sich immer mehr zu einer unfreundlichen und egoistischen Gesellschaft.“ Heutzutage vergessen viele, dass Obdachlose auch nur Menschen sind. Der einzige Unterschied ist, dass das Schicksal sie getroffen hat. Es passiert schneller, als man glaubt, und plötzlich sitzt man auf der Straße, mit nichts. Und das unfreiwillig.

          Zum Grund will er keine Details nennen

          Auch der Lette hatte es bisher nicht leicht im Leben. Schon als kleines Kind wuchs er in seiner Heimat Lettland in extrem armen Verhältnissen auf. Aufgrund administrativer Probleme flüchtete er schließlich mit 35 Jahren nach Deutschland. Zum genaueren Grund will er jedoch nicht mehr Details geben. Während seiner Reise wurde ihm zudem sein einziges Gepäckstück, sein Rucksack, gestohlen. In ihm befanden sich die letzten Habseligkeiten, die er besaß. Sein letztes, weniges Geld und sein Ausweis waren auch weg. Völlig orientierungslos in einer fremden Stadt gestrandet, wusste er nicht, was er als Nächstes tun und wohin er gehen sollte.

          So begann sein Leben als Bettler auf der Straße. „Was hätte ich sonst tun sollen? In die lettische Botschaft hätte ich nicht gehen können, aufgrund meiner Vergangenheit, und das einzige deutsche Wort, das ich kannte, war hallo. Ich musste mich also der Realität stellen, auch wenn es nicht leicht war“, berichtet er. Auf der anderen Straßenseite sitzen weitere obdachlose Menschen. In kleinen Gruppen unterhalten sie sich. Sie scheinen freundlich miteinander umzugehen, und auch die Stimmung scheint gelassen zu sein. Umso mehr ist es verwunderlich, dass der Lette sich einen Schlafplatz abseits von den anderen ausgesucht hat. Auf die Frage, warum er sich nicht zu ihnen setze, kommt nur ein abfälliges Schnauben. „Mit dem Kapitel Freunde habe ich vor langer Zeit abgeschlossen. In meiner Welt gibt es nicht so was wie wahre Freundschaft. Jeder Tag ist ein einziger Überlebenskampf. Menschen, die ich früher als meine Freunde bezeichnete, haben mich nur ausgenutzt. Aber ich habe dazugelernt. Solche Fehler werden mir in Zukunft nicht mehr passieren.“

          „Sie verurteilen uns sofort“

          Jetzt in den kalten Monaten werden die Überlebenskünste der Obdachlosen wieder auf die Probe gestellt. Es ist die schlimmste Jahreszeit für sie. Jedes Jahr dieselbe Tortur. Es ist feucht, kalt, und warme Kleidung fehlt. „Im Winter trage ich so viele Klamotten wie möglich übereinander. Zwei T-Shirts und einen Pullover. Drei Sockenpaare und eine Hose. Mehr habe ich leider nicht.“ Um sich warmzuhalten, verlässt der Lette selten seinen Schlafsack. Nur um Essen und Pfand zu suchen. Wieder einmal wird uns gezeigt, wie privilegiert wir doch leben. Tätigkeiten, die normal lebende Menschen als selbstverständlich empfinden, sind für andere Menschen ein Highlight. Etwas, das nur an besonderen Anlässen stattfindet. Es beginnt bei den normalsten Aktivitäten im Alltag, über die wir gar nicht mehr nachdenken. Eine heiße Dusche nehmen. Oder sich satt essen. „Es ist traurig, dass Menschen sich immer für etwas Besseres halten. Sie verurteilen uns sofort, wegen unseres Aussehens, unseres Wohnortes oder unserer Art zu leben. Aber sie kennen uns gar nicht. Sie kennen auch nicht unsere Gründe. Sie sehen nur das Schlechte in uns“, erzählt er enttäuscht. Für die Zukunft hat der Balte keine besonderen Pläne. „Ich hoffe auf ein Wunder. Dass etwas geschieht und mir aus dieser Situation hilft. Es ist unrealistisch, aber es gibt immer Platz für Träume.“

          Laura Dietrich, Marie-Curie-Gymnasium, Hohen Neuendorf

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