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Natur am Grenzstreifen : Natur pur statt Todesstreifen

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Die ehemalige innerdeutsche Grenze ist zu einem Paradies für Pflanzen und Tiere geworden. Die Artenvielfalt an der ehemaligen Grenze weckt Interesse aus Korea.

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          Die meisten Menschen verbinden die ehemalige innerdeutsche Grenze mit ihrer Grausamkeit und Lebensfeindlichkeit. Heute kann man eine andere, geradezu lebensfreundliche Landschaft entlang des Grenzstreifens entdecken: das Grüne Band. Offiziell startete das Projekt am 7. Dezember 1989, als Naturschützer aus Ost und West sich in Hof trafen. Einer von ihnen war Kai Frobel. Für den 60-Jährigen, der Bart und Brille trägt, begann das Projekt viel früher. „Ich bin in Sichtweite der innerdeutschen Grenze aufgewachsen, allerdings auf der Westseite. Im Landkreis Coburg in der Ortschaft Hassenberg. Als Teenager habe ich begonnen, Vogelarten zu beobachten.“ Durch das naturkundliche Interesse des Vaters gab es im Haus die drei wichtigsten Dinge, die man dafür braucht: „Ein Fernglas, einen Fotoapparat und ein Vogelbestimmungsbuch.“ Schon damals fiel ihm auf, „dass diese scheußliche Grenze gleichzeitig auch eine Schatzkammer voll mit seltenen Tierarten war“.

          Die Bundesgrenzschützer kannten ihn

          Er begann 1976, 14 Kilometer der Grenze gezielt zu untersuchen und sie für eine Abiturarbeit aufzuschreiben. „Das war bundesweit die erste Publikation, die auf den Artenreichtum des Grenzstreifens hinwies.“ Die Kartierarbeiten erweiterte Frobel mit anderen Jugendlichen auf 140 Kilometer, etwa 10 Prozent der Gesamtlänge der innerdeutschen Grenze. Diese Ausflüge zur Grenze waren ungefährlich, solange man auf der Seite der BRD blieb. Bei den Bundesgrenzschützern war er bald bekannt wie ein bunter Hund. „Aber es gab Bereiche, die waren so spannend, dass ich ab und zu auf DDR-Gebiet gegangen bin. So an einem schönen Bach, dessen Mitte die Grenze war. „Dort gab es seltene Libellen- und Muschelarten. Im Bach und vor allem am Ostufer hätte mich niemand entdecken dürfen. Die DDR-Grenzsoldaten hätten schießen oder mich verhaften können. Das war immer mit Herzklopfen verbunden.“ Frobel kannte die Positionen der Soldaten, so dass er das Risiko, erwischt zu werden, minimierte. „Der naturnahe Bach ist noch da, die Muscheln sind noch da, und der Biber ist neu gekommen.“

          Der Streifen wurde sich selbst überlassen

          Frobel studierte in den 1980er Jahren Geoökologie in Bayreuth. Dort ist er heute Honorarprofessor an der Fakultät für Biologie, Chemie und Geowissenschaften und hat einen Lehrauftrag für Naturschutz und Landschaftspflege. Er engagierte sich im bayrischen Landesverband des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland, BUND, und stieg dort hauptberuflich ein. Mit seinem Team in Nürnberg und 20 Mitwirkenden für den Naturschutz in Bayern ist er für das bundesweite Grüne Band zuständig. Wie kam es zu dem Artenreichtum? „Entscheidend war, dass dieser Streifen wegen der speziellen Grenzsituation weitgehend sich selbst überlassen wurde. Es wurde keine reguläre Land- oder Forstwirtschaft betrieben, die Natur konnte einfach nur Natur sein.“ Durch das Engagement der Naturschützer blieb der durchschnittlich 100 Meter breite und knapp 1400 Kilometer lange Grenzstreifen auch nach der Wiedervereinigung weitflächig ungenutzt. Genaue Untersuchungen haben ergeben, dass dort mindestens 1200 Arten der Roten Liste Deutschlands, die besonders gefährdet sind, in 146 verschiedenen Biotoptypen ein Zuhause gefunden haben. Die 18 000 Hektar Fläche gilt als das größte Biotopverbundsystem Deutschlands. Eine Art, die, obwohl sie in Thüringen bereits als ausgestorben galt, profitierte, ist die Wanstschrecke. „Hört man Mitte Juni bis Ende Juli aus hochstehenden Wiesen ein immer lauter werdendes Sirren, was erst in Zick-Laute übergeht und dann wie ein absterbender Motor verklingt, hat man sie gefunden. Sie ist eine bis zu 4,5 Zentimeter grüne Heuschrecke mit schwarzen Punkten und einem ausgeprägten Sattelschild. Die räumliche Nähe der Lebensräume im Grünen Band helfen ihr zu überleben, denn die Wanstschrecke kann nicht fliegen und mit ihrem dicken Bauch nicht weit springen. Um nicht auszusterben, müssen sich die verschiedenen Populationen mischen.“

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