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Nahtoderfahrung : Nicht mehr im Körper

  • -Aktualisiert am

Ist das bloßer Sauerstoffmangel oder gar das Tor zu einer anderen, faszinierenden Welt? Eine Freiburger Soziologin über Nahtoderfahrungen - die jeden Menschen treffen können.

          3 Min.

          Jeden kann es treffen, ob plötzlicher Unfall, Krankheit oder sonstiges schlimmes Ereignis, total unvorhersehbar und spontan. Eine Nahtoderfahrung. So nennt man die subjektiven Erlebnisse, die manche Menschen haben, die sich in einer lebensbedrohlichen oder medizinisch kritischen Situation befunden haben. Doch was genau steckt dahinter? Was haben die Personen erlebt während ihrer Nahtoderfahrung, was haben sie währenddessen gefühlt? Mit dem Thema Nahtod setzt sich Ina Schmied-Knittel vom Institut für Grenzgebiete der Psychologie und Psychohygiene, kurz IGPP, aus Freiburg auseinander. Die 52-Jährige mit kürzeren braunen Haaren und einem marineblauen Kleid sitzt auf der anderen Seite des langen Tischs und wirkt freundlich und offen. Sie hat Soziologie in Leipzig studiert und sich bereits dort mit dem Thema beschäftigt. „Während meines Studiums habe ich eine Studie über Nahtoderfahrungen geschrieben, die an das IGPP geschickt wurde. So bin ich ab 1998 an das IGPP gekommen – ein Verein, der von privaten Stiftungsmitteln finanziert wird“, berichtet die promovierte Forscherin. Sie arbeitet auch zu paranormalen Phänomenen wie beispielsweise Ufo-Sichtungen.

          Spannende Interviews

          Ina Schmied-Knittel berichtet, dass Schätzungen zufolge vier Prozent der Bevölkerung schon einmal eine Nahtoderfahrung gemacht haben. Bei Herzstillstandpatienten sind die Zahlen höher – bis zu 15 Prozent. Nahtoderfahrungen kommen auch in anderen gefährlichen Situationen vor, etwa bei Autounfällen oder wenn Menschen beinahe ertrunken sind. Zu der Frage, was man während einer Nahtoderfahrung erlebt, hat das IGPP eine Interviewstudie erstellt. „Es ist sehr spannend, interessant und faszinierend, sich die Erfahrungen dieser Menschen anzuhören.“

          Dabei fällt nämlich auf, dass viele von ihnen ganz ähnliche Erfahrungen schildern. „Laut ihrer Erinnerungen merken sie, wie sie förmlich aus ihrem Körper hinaustreten. Dabei sind sie ganz klar nicht mehr in ihrem eigenen Körper. Einige berichten, sie haben sich dabei gefühlt, als hätten sie ihr Leben nicht mehr in ihren eigenen Händen gehabt. Sie sehen auf ihren Körper hinab und können beispielsweise wahrnehmen, wie sie reanimiert werden und Ärzte hektisch um sie herumstürmen.“ Dieses Ereignis wird in der Forschung auch „out of body“ genannt. Häufig wird beschrieben, dass die Person in eine Art Tunnel gerät, an dessen Ende ein helles Licht zu sehen ist. „Und dann, im hellen Licht angekommen, nehmen sie den hellen Raum um sich herum als wunderschön und harmonisch wahr. Oftmals begegnen ihnen auch geliebte und verstorbene Familienmitglieder, mit denen sie sich in den meisten Fällen auch noch unterhalten können. Nach einiger Zeit verspüren sie einen Ruck, mit dem sie wieder zurück in ihren eigenen Körper gelangen.“

          Sicher, dass es keine Halluzination war

          In ihren Erzählungen sind die Betroffenen immer ganz sicher, dass das, was sie erlebt haben, total echt ist und keine Halluzination war, betont Ina Schmied-Knittel. Doch wie können Menschen nachweislich über ihre Reanimation und deren Umstände berichten? „Wissenschaftlich ist es extrem schwer, diese Frage zu beantworten, da man während einer Nahtoderfahrung nicht in das Gehirn des Betroffenen gucken kann.“ Auch kann eine solche Erfahrung nicht in Echtzeit im Labor untersucht werden, da der Nahtod spontan und unvorhersehbar auftritt. Aus wissenschaftlicher Sicht wird sie als ein Produkt des Gehirns interpretiert, das durch Stress, Sauerstoffmangel oder Medikamente ausgelöst wird. Doch bis heute sei es nicht gelungen, die Nahtoderfahrungen als reine Halluzination zu erklären. Einige Menschen sind nach ihrer Nahtoderfahrung verstört. Ina Schmied-Knittel verweist darauf, dass sich auch viele solcher Menschen an die Beratungsstelle wenden. Das Institut befindet sich im Universitätsviertel und bietet Beratung und Information im Zusammenhang mit außergewöhnlichen Erfahrungen und Phänomenen. Ratsuchenden wird geholfen, das Erlebte zu verarbeiten.

          Neue und soziale Lebensweise

          Neben Verunsicherungen und Ängsten gibt es auch andere – schöne – Betrachtungsweisen auf die Nahtoderfahrung: Von vielen Menschen wird berichtet, es sei die schönste Erfahrung gewesen, die ihnen je widerfahren ist. „Daher ist es auch nicht verwunderlich, dass sie ihre Angst vor dem Tod nach diesem Erlebnis verlieren.“ Die Erfahrung ändert mitunter das ganze Leben für die betroffenen Personen, und das häufig ins Positive. Dabei wollen sie mit einer ganz neuen, frischen und sozialen Lebensweise neu starten. Sie setzen zum Beispiel neue Schwerpunkte bei sozialen Aktivitäten oder erlernen etwas Neues.

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