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Münchner Residenztheater : Selbst Richard III. plagt eine gewisse Restnervosität

  • -Aktualisiert am

Bild: von Zubinski

Lampenfieber sorgt für die nötige Energie, um in der Vorstellung mit Shakespeare zu brillieren. Hinter der Bühne des Münchner Residenztheaters.

          3 Min.

          Nur noch dreißig Minuten bis Vorstellungsbeginn. Heute Abend läuft das Stück Richard III. von Shakespeare im Münchner Residenztheater. Aus den langen Gängen des Theaters hört man nervöses Getuschel. Die Gerüche, die aus den verschiedenen Räumen kommen, könnten nicht unterschiedlicher sein. Aus manchen quillt Zigarettenqualm, aus anderen steigt der Duft eines schweren, süßlichen Parfums. In den Räumen der Maskenbildner riecht es nach Schminke und penetrantem Haarspray. Während im oberen Stock die Aufregung vor der Aufführung manchen Schauspielern ins Gesicht geschrieben steht, sitzen unten in der Kantine noch ein paar Beleuchter und stärken sich vor der langen, zweieinhalbstündigen Vorstellung. „Nur noch fünfzehn Minuten bis zum Beginn der Vorstellung“, ertönt eine laute, verzerrte Durchsage aus den Lautsprechern, die die Bühnentechniker veranlasst, sich auf ihre Positionen zu begeben.

          Besonders erschreckend aussehen

          Norman Hacker bekommt in der Maske gerade seine langhaarige Perücke aufgesetzt. In der Hauptrolle als Richard muss er besonders erschreckend oder, wie es im Stück heißt, wie ein Krüppel aussehen. „Obwohl ich seit fast 30 Jahren am Theater bin, ist eine gewisse Restnervosität immer wieder da. Ich habe aber auch das Gefühl, dass das ganz gut ist, weil ich dann immer frisch bleibe und auch einen gewissen Energieschub bekomme“, sagt der 55-Jährige, während er das Werk seiner Maskenbildnerin betrachtet. Dagegen wirkt Schauspielerin Anna Drexler überraschend ruhig und denkt kurz vor ihrem Auftritt über die Bedeutung ihres Berufs nach: „Das Schöne am Schauspielen für mich ist, dass man sehr verbindlich mit Leuten zusammenarbeiten kann und dass man das Gefühl hat, dass der Beruf für das ganze Leben sinnvoll ist und man sich nicht vom Leben abwendet, sondern eher am Leben arbeitet.“ Der knackende Lautsprecher unterbricht sie. „Noch fünf Minuten bis zum Beginn der Vorstellung! Herr Hacker und Herr Dechamps bitte auf Ihre Position!“

          Von der Unterbühne durch die Masse klettern

          Die Maskenbildnerin überprüft, ob die Perücke auch festsitzt, dann begibt sich Norman Hacker mit seinem Kollegen auf die Bühne. Andere Schauspieler hingegen beginnen das Stück von der Unterbühne, denn bei dieser Inszenierung müssen sie durch eine schwarze Schaumstoffmasse klettern, um auf die Bühne zu gelangen – eine besondere Herausforderung, die mit dem Motiv Geburt spielt. Hier unten überkommt einen ein muffiger Geruch nach Staub und Schweiß. Die Schauspieler bereiten sich – jeder unterschiedlich – auf ihren Auftritt vor. Manche dehnen sich, um ihren Körper aufzulockern, oder gehen ihre Textstellen noch einmal durch. Eine andere Schauspielerin versucht sich durch verschiedene Atemübungen zur Ruhe zu bringen und sich vor dem Auftritt nur auf sich selbst zu konzentrieren. Manchmal helfen auch die ganz banalen Dinge. „Um in die Rolle zu kommen, ist die Maske, aber auch das Umziehen ein wichtiger Prozess“, meint Michele Cuciuffo, während er sich nervös die Hände knetet. „Durch das Umziehen von seinen privaten Klamotten in das Kostüm schlüpft man schon in diese Welt der Rolle etwas hinein.“

          Immer kann etwas schiefgehen

          Im Zuschauerraum hört man durch die vielen bereits anwesenden Theatergäste ein lautes Durcheinander an Gesprächen. Das Stück ist gut besucht, fast achthundert Menschen sind heute gekommen. Auch Handys brummen noch, bis der Inspizient deren Besitzer bittet, alle Geräte jetzt auszuschalten. „Der allererste Satz ist für mich entscheidend, wie der Abend verlaufen wird“, sagt Götz Schulte, während er sein Kostüm ein letztes Mal zurechtrückt. „Auch wenn man das Stück lange geprobt hat, kann immer etwas schiefgehen. Das entscheidet sich für mich aber wie gesagt schon am Anfang der Vorstellung.“ Die Stimmen im Zuschauerraum werden immer leiser. Die Türen des Saals schließen sich. Nach ein paar Minuten ist auch das letzte Flüstern verstummt. Jetzt ist es so weit. Der Vorhang fährt hoch.

          Diesen Moment fürchten viele

          Nach etwa zweieinhalb Stunden verhallen die letzten Worte des Stücks. Plötzlich ist alles dunkel. Es herrscht angespannte Stille im Zuschauerraum. Ein Moment, den viele Schauspieler fürchten, denn noch wissen sie nicht, wie das Stück diesmal ankommen wird. Doch dieser währt nicht lang, das Licht geht wieder an, und lautes Klatschen und Jubeln erfüllt den Saal. Als Norman Hacker zum Verbeugen nach vorne tritt, hört man euphorisch laute Bravo-Rufe. Kleine Schweißperlen haben sich vor Anstrengung auf seiner Stirn gebildet. Er strahlt. Die Erleichterung ist ihm ins Gesicht geschrieben. Der Zustand der Schauspieler ist jetzt nach dem Stück ein völlig anderer geworden. Die Anspannung in der Mimik weicht gelassenen, strahlenden Gesichtszügen. „Wenn dann diese zweieinhalb Stunden Vollgas vorbei sind, fühlt sich das an, wie wenn ich mehrere Saunagänge hinter mir hätte, ich bin also richtig entspannt“, sagt Norman Hacker. „Ganz egal wie jetzt die Rückmeldungen waren. Man gibt einfach alles ab, die Energie, und am Schluss hat man dann dieses gute Gefühl, etwas gestaltet zu haben.“ Trotz des Erfolgs sind alle erleichtert, dass die Aufführung vorbei ist. Die Gänge hinter der Bühne leeren sich schnell. Nur die Bühnentechniker arbeiten am Abbau des Bühnenbildes, um am nächsten Morgen ein neues aufbauen zu können – schließlich läuft im Theater jeden Abend ein anderes Stück.

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