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Mormonen-Missionare in Frankfurt : Unterwegs im Namen des Herrn

  • -Aktualisiert am

Sie tragen Anzug, Krawatte und ein Lächeln, das nie erlahmen will: Elder Forsyth und Elder Devonas in Frankfurt. Bild: Claus Setzer

Sie stehen in der Fußgängerzone und sagen: „Guten Tag, wir möchten mit Ihnen über unsere Kirche reden“ – eine Begegnung mit zwei Mormonen, die gekommen sind, Deutsche zu bekehren.

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          Wenn alles so weitergeht, wie der Heilige Geist es vorgesehen hat, dann kommt David am Montag zum Abendessen in den Tempel. Er wird mit der U-Bahn aus Frankfurts Innenstadt in den nördlichen Stadtteil Eckenheim fahren, und an der Haltestelle werden die zwei Missionare warten, um ihn abzuholen. Elder Devonas und Elder Forsyth heißen die Männer aus Amerika, sie sind etwa im gleichen Alter wie der 20 Jahre alte David.

          Ihre Vornamen haben sie nicht gesagt, denn sie tun nichts zur Sache, wichtiger ist der Titel „Elder“, der ihre Funktion ausdrückt: Er steht für „Kirchenältester“ und verrät, dass die Jungspunde für zwei Jahre auf Mission sind in Deutschland. Ihre ganze Kraft, von morgens 6.30 bis abends 22.30 Uhr, stellen sie in den Missionsdienst der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage.

          Kennengelernt haben David und die zwei Elders sich einige Tage zuvor in der Fußgängerzone. David ist mit einem Freund unterwegs, als die beiden ihn ansprechen. Es ist der erste sonnig-warme Nachmittag seit Tagen, die Fußgängerzone quillt über vor gutgelaunten Einkäufern, und vor dem „Kaufhof“ sitzen Leute unter Bäumen in der Sonne.

          David trägt seine schwarze Lederjacke auch über der Schulter, lässig in einen Finger eingehakt. Er hat kurzgeschorene blonde Haare, trägt Jeans und graue Turnschuhe, und durch sein linkes Ohrläppchen bohrt sich zum Schmuck ein schwarzes Stäbchen. Auch Elder Forsyth (seine Eltern nannten ihn Jared) und Elder Devonas (Raphael) haben kurze Haare. Aber sie tragen schwarze Anzüge und dazu Krawatten in Hellblau und Rot, und am Revers schwarze Namensschilder mit weißer Schrift. Dazu tragen sie ein offenes Lächeln, das nie erlahmen will.

          David ist der Erste, der nicht sofort wegläuft. „Hmm“, sagt er

          „Hey, guten Tag zusammen!“, rufen die Amerikaner einem Rentnerpaar zu, das ihnen misstrauisch ausweicht. „Wir möchten mit Ihnen über unsere Kirche reden“, sagen sie zu der gepflegten Taunus-Dame, die abwinkt und weiterstöckelt. „Wir wollten fragen, ob Sie gläubig sind. Denn es gibt eine Botschaft der Freude für Sie.“ Das richtet sich an einen Mann, der rauchend auf einer Bank entspannt. „Hört erst mal meine Botschaft“, grunzt der: „Nein danke.“

          David sagt nur „Hmm“, als er hört, dass es um Gott geht und um den Sinn des Lebens. Er ist der Erste, der nicht sofort wegläuft, abgesehen von dem Mann von der Suppenküche (er will Spenden) und von dem Mann, der an einem Stand vor der Liebfrauenkirche katholische Heiligenbildchen verkauft (er kann nicht weglaufen). „Hmmm“, sagt David immer nur, während die Mormonen auf ihn einreden. Jetzt zählt jede Sekunde. Jede Sekunde, in der David nicht geht, ist eine Chance, ihm mehr von der Botschaft der Freude zu erzählen. Hört der eine Elder auf, springt der andere ein. Ihr Ton ist dringlich, aber nicht übereifrig. Sie blicken ihm unverwandt in die Augen, aber verlieren nie ihr Lächeln. Sie stehen nahe bei David, aber nicht zu nah.

          Devonas fragt, ob David sich vorstellen kann, dass es wirklich möglich ist, alle Freuden zu erleben, von denen man nur träumt. Dass diese Freude nur Gott geben kann. Dass es so traurig sei, dass so viele Menschen die Freude nie erleben werden, die sie selbst und ihre Kirche gerne mit ihm, David, teilen möchten. „Und weißt du, ich glaube wirklich an Gott und alles. Ich laufe hier nicht einfach nur so rum.“ Davids Freund wartet derweil ein paar Meter entfernt geduldig auf ihn, die Kopfhörer seines iPod in den Ohren, zur Musik auf und ab wippend.

          Er sei evangelisch und noch zur Konfirmation gegangen, erklärt David den Missionaren. Aber dann habe er etwas sehr Schlimmes erlebt. Jetzt glaube er einfach nicht mehr, dass es Gott gibt. „Wollen wir uns kurz hinsetzen?“, fragt Elder Forsyth und zeigt auf eine leere Bank. David zögert, dann nickt er. Er hört, dass die Apostel Furchtbares durchlitten und doch nie den Glauben verloren. Und er hört, dass es verständlich ist, auch mal nicht zu glauben. „Es zählt der Wunsch, zu glauben.“ Nach zehn Minuten ist David einverstanden, dass ihn die Missionare mal anrufen. Die Einladung zum Essen nimmt er an. „Ihr überzeugt mich irgendwie, weil ihr die krasse Aktion bringt, zwei Jahre hier zu arbeiten, ohne Geld. Da muss doch was dahinter sein.“

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