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Modellbauladen : Ohne Figuren sieht es tot aus

  • -Aktualisiert am

Bild: Anke Kuhl

Nach einem Motorradunfall führt Werner-Wolfgang Bohn einen Modellbauladen. Der brachte Leben in eine Fuldaer Gasse und Besucher ins Gespräch.

          4 Min.

          Ein Schritt über die Türschwelle der weit geöffneten Holztür ist wie das Eintreten in eine andere Welt. Regale über Regale. Alle bis zur Decke gefüllt. Ihre Holzbretter knarren beim leichtesten Berühren mit den Fingerspitzen so laut, als brächen sie jeden Moment auseinander. Man spürt die Blicke von unzähligen kleinen Augenpaaren, die zu den winzigen Körpern der Kunststofffiguren gehören, die sich über die Jahre durch die verschiedenen Projekte ansammelten und nun auf eine neue Verwendung warten. In der Mitte des für einen Normalbürger scheinbaren Chaos steht ein Mann an seinem großen Schreibtisch, der das Herzstück des Ladens darstellt. Es ist Werner-Wolfgang Bohn, Inhaber des Modellbahnladens in der Fuldaer Kanalstraße und leidenschaftlicher Bauer von Miniaturlokomotiven,

          Vor dem Unfall verkaufte er Motorräder

          Der 61-Jährige trägt Brille und Schnurrbart, Jeans und T-Shirt. Bohn musste sich vor sieben Jahren aufgrund eines Schicksalsschlags umorientieren. Er arbeitete zuvor als Motorradverkäufer, doch ein schwerer Unfall führte zu einer dauerhaften Versteifung des Handgelenks. Dies machte das Vorführen der Motorräder unmöglich. Von diesem Zeitpunkt an hat er sich komplett seiner Leidenschaft gewidmet und sein Hobby, das er seit Kindheitszeiten ausübt, zum Beruf gemacht. Vor einem Jahr übernahm er den Laden, in dem er vorher im Angestelltenverhältnis tätig war. „Der Modellbau gehört einfach dazu, eine Stadt zu beleben. Samstagnachmittags wird die sonst unbelebte Gasse von Menschen überflutet, die von den Modellbahnen fasziniert sind und die wechselnden Ausstellungsauslagen im Schaufenster sehen wollen. Es ist immer toll, Menschen eine Freude zu machen“, sagte er vor der Corona-Krise, glücklich darüber, dieses kleine Ladenlokal zu haben, das sich von den Filialen der Einkaufsketten absetzt. An solchen Samstagen geht Bohn gern hinaus auf die Straße, begrüßt seine Gäste und nimmt sich Zeit, um Fragen fachgerecht zu beantworten oder einfach ein lockeres Gespräch über seine Werke zu führen.

          Aus Ehrfurcht gegenüber der enormen Arbeitszeit

          Passanten bleiben vor dem Schaufenster stehen und zeigen auf das Modell des Papstbesuches in Fulda vom 18. November 1980. Damals besuchten 120 000 Menschen den Domplatz, um einen Blick auf Johannes Paul II. zu erhaschen. Die Leute beginnen zu lächeln, weil sie das Event selbst erlebt haben, oder aber vor Erstaunen und Ehrfurcht gegenüber der enormen Arbeitszeit, von der das Modell zeugt. Sie betreten als Kunden, Bekannte, Unbekannte oder Freunde den Laden. Wolfgang Bohn bietet jedem eine Tasse Kaffee an, dessen Geruch vermischt sich mit dem von Farbe, der aus den unzähligen Farbtöpfchen aufsteigt. Während die Kaffeemaschine vor sich hin brabbelt, kommen die Besucher ins Gespräch. Eine ältere Frau erinnert sich noch genau, wie sie mit ihrer Familie auf dem vollen Platz gestanden und gespannt den Worten des Papstes gelauscht habe. Lachend, aber mit prüfendem Blick wendet sie sich mit Bohn dem Modell zu. Beide versuchen, sie als eine der Figuren ausfindig zu machen.

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