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Missbrauchsprozess : Hoffen auf Freispruch für Marco W.

Marco W. heute: Im August hat er eine Ausbildung begonnen Bild: dpa

Im Missbrauchsprozess gegen Marco W. wird heute das Urteil erwartet. Es könnte dem Jungen helfen, im Alltag wieder Fuß zu fassen. Um die Vermarktung seines Schicksals ist hinter den Kulissen Streit entbrannt.

          4 Min.

          Vielleicht wird Marco diese Woche an die Nordsee reisen, so wie die vergangenen Male, wenn in Antalya seine Gerichtsverhandlung weiterging: möglichst weit weg von den Medien und dem öffentlichen Wirbel. Vielleicht wird der Neunzehnjährige diesmal aber auch in Uelzen bleiben. Er hat im August eine Ausbildung zum Mechatroniker begonnen und will auf keinen Fall etwas versäumen: In der Fachoberschule hatte er wegen der vielen Fehlzeiten irgendwann den Anschluss verpasst; im Sommer beendete er die Schule nach der elften Klasse. Marco W. steckt in einem Dilemma. Seit seiner Freilassung im Dezember 2007 versucht er, im Alltag wieder Fuß zu fassen und das ganz normale Leben eines Heranwachsenden zu führen. Aber die Erinnerungen an acht Monate Untersuchungshaft in der Türkei und die Ungewissheit, wie der Schluss dieser schier unendlichen Geschichte aussehen könnte, holen ihn immer wieder ein.

          Julia Schaaf

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Am Mittwoch endlich könnte das Gericht in Antalya sein Urteil fällen. „Wir hoffen das alle, weil es eigentlich nicht denkbar ist, wie lange sich das hinauszögert“, sagt Jürgen Schmidt, der Uelzener Anwalt der Familie. Längst ist die Beweisaufnahme abgeschlossen. Im Juni hat der Staatsanwalt sein Plädoyer gehalten. Er beschuldigt Marco, vor zweieinhalb Jahren während eines Familienurlaubs in der Türkei eine 13 Jahre alte Engländerin sexuell missbraucht zu haben. Auch der Vorwurf der Vergewaltigung steht im Raum. Bei einer Verurteilung drohen Marco bis zu 15 Jahre Haft. Zum Glück für den Jungen ist es in der Türkei oft so, dass die Forderung der Staatsanwaltschaft und der Spruch der Richter weit auseinanderklaffen. Am Mittwoch ist nun die Verteidigung an der Reihe; die Einlassung der türkischen Anwälte liegt dem Gericht schon seit Juli vor. „Wir wollen einen Freispruch“, sagt Rechtsbeistand Ahmet Ersoy.

          Die Britin ist nie vor Gericht erschienen

          Noch immer geht es um jene Aprilnacht des Jahres 2007, nach der die Mutter der dreizehnjährigen Charlotte Anzeige erstattete und Marco verhaftet wurde. Der damals Siebzehnjährige hat von Anfang an gesagt: Das Mädchen, das er in einer Hoteldisko des Badeortes Side kennengelernt hatte, habe sich als Fünfzehnjährige ausgegeben. Später sei es einvernehmlich zu sexuellen Handlungen zwischen ihnen gekommen, aber nicht zum Geschlechtsverkehr. Charlotte hingegen behauptet, sie habe geschlafen, als Marco ihr Zimmer betreten und sich auf sie gelegt habe. Die Britin ist nie vor Gericht erschienen. Es dauerte Monate, bis ihre Videoaussage aus England in der Türkei eintraf und übersetzt wurde. Auch deshalb saß Marco für einen Minderjährigen so unverhältnismäßig lange in Untersuchungshaft.

          Marco W. in Haft: Ende 2007 wurde er aus dem Gefängnis entlassen
          Marco W. in Haft: Ende 2007 wurde er aus dem Gefängnis entlassen : Bild: AP

          Die deutsche Öffentlichkeit schäumte, der Fall beschäftigte reihenweise Politiker bis hinauf zur Kanzlerin, die diplomatischen Verstimmungen waren gewaltig. Selbst amerikanische Zeitungen thematisierten einen möglichen Schaden für die EU-Hoffnungen der Türkei. In Deutschland gab es Mahnwachen und einen offiziellen Marco-Song, die „Bild“-Zeitung lud vor der Tür des Vorsitzenden Richters in Antalya fast 20 000 Leser-Petitionen ab. Bis heute senden Unterstützerkreise solidarische Grußkarten an Marco und treffen sich zu den Prozessterminen. Aber man musste hierzulande auch lernen, dass zu viel Druck der Sache schaden kann.

          Marco verbringt viel Zeit bei seiner Freundin

          Marco selbst befindet sich seit seiner Freilassung in therapeutischer Behandlung. Der Junge komme ihm nachdenklicher vor als früher, sagt Karsten Steinmann, Leiter des Technischen Hilfswerks Uelzen, wo Marco inzwischen eine Grundausbildung absolviert hat, um sich im zivilen Katastrophenschutz zu engagieren. In seinem alten Freundeskreis habe er wieder Fuß gefasst. Marco wohnt weiterhin bei den Eltern, verbringt aber seiner Mutter zufolge viel Zeit bei seiner Freundin. Kurz nach der Freilassung hatte Marco als Beifahrer eines Lastwagens einen schweren Verkehrsunfall. Er machte damals ein Praktikum in einem Elektrofachmarkt, wo man ihm später kündigte - wegen Unzuverlässigkeit. Sein 18. Geburtstag wurde mit einem großen Fest in der Stadthalle Uelzen begangen. Marcos Vater leidet an Leukämie. Nachdem im Dezember 2008 ein passender Stammzellspender gefunden worden war und im Frühjahr die Übertragung stattfand, folgte im Sommer ein schwerer Rückfall. Seinen fünfzigsten Geburtstag konnte der Diplomjurist jedoch wieder zu Hause feiern.

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