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Mathematikdozent : Rick hält nichts von negativen Glaubenssätzen

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Lernen hat ihm immer Spaß gemacht. Das will ein Mathematikdozent anderen vermitteln, so auf einem Schülerseminar in Salem. Denn die Hummel fliegt einfach los.

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          Die strahlende Sonne bescheint das idyllische Campusgelände in Salem am Bodensee. „Ich bin immer sehr gerne zur Schule gegangen“, sinnt der sympathische Pädagoge Rick Kummerow. Seine Lippen umspielt sein typisches, leicht schelmisches Lächeln, und hinter seinem Ohr, verdeckt von seinen dunklen Haaren, steckt der allgegenwärtige Stift. Der gebürtige Berliner lebt heute in Rostock, reist jedoch für seine Arbeit viel umher. Als Mathematikdozent unterstützte er die Sommerakademie des Salem-Kollegs am Bodensee. Schule und Bildung, das sollte es für ihn schon immer sein, weshalb er nach der Schule in Rostock Mathematik und Geschichte auf Lehramt studierte.

          Wie er noch mehr rausholen kann

          Während des Studiums las er vor vier Jahren in einer Facebook-Gruppe von der Firma Abiturma, die Dozenten suchte. Abiturma ist ein bundesweit agierender Nachhilfeanbieter, der Mathe-Abiturvorbereitungskurse anbietet. Rick wurde genommen. Es sei genau sein Ding, versichert er, vor Menschen zu sprechen, mit Menschen zusammen besser zu werden. „Lernen hat mir immer großen Spaß gemacht, wirklich großen Spaß. Das war ein Hobby von mir, würde ich sagen.“ Er lacht. Nicht das Pauken oder Auswendiglernen von Vokabeln meine er, sondern Lernen, bei dem er sich mit einer Sache beschäftigt und danach merkt, dass er mehr könne und wisse als zuvor. Täglich befasst sich der 29-Jährige mit Schülern und Schülerinnen. Während er ihnen hilft, Mathe besser zu verstehen, geistert ihm die Frage durch den Kopf, wie er noch mehr rausholen und noch mehr Hilfe leisten könnte. So arbeitete er eine Zusammenstellung von Konzepten aus. Diese wurden durch den intensiven Kontakt zu über 1000 Lernenden in den vergangenen drei Jahren, Selbstversuche und Recherchen im Bereich der Lerntheorie beeinflusst. In einer Zusammenstellung strukturiert er den Lernprozess in einfache Phasen, motiviert die Schüler und fasst das effektivere Lernen in fünf elementaren Prinzipien zusammen unter dem Motto „Wie Lernen gelingt“.

          Warum haben wir überhaupt Angst?

          „Wir haben Pareto, Rückkopplung, Proaktivität und Zielbezug, Polyvalenz sowie Schnelles Denken – Langsames Denken“, zählt er auf. In einem Workshop am Salem-Kolleg steht er vor einem Flipchart und appelliert an den Kreis. „Mir ist das wirklich ein großes Anliegen, dass jeder die Chance hat, besser zu werden, über sich selbst hinauszuwachsen“, betont er. Gleich darauf verdeutlicht er seinen Zuhörern, die gespannt an seinen Lippen hängen, dass Wertschätzung und Beachtung der individuellen Bedürfnisse unerlässlich sind, um den persönlichen Weg zur Verbesserung zu finden. Während er Prinzip nach Prinzip vorstellt, bindet er die Teilnehmer aktiv mit ein. Beim Konzept „Schnelles Denken – Langsames Denken“ etwa, lässt er alle auf drei klatschen. Er selbst klatscht jedoch schon bei zwei, was einige Schüler merklich verwirrt. Das macht aber nichts, Fehler machen sei nicht schlimm und sogar wichtig, wie er danach erklärt. Mit leuchtenden Augen meint er, dass Lernen immer eine Überwindung, ein Sprung ins kalte Wasser sei. Aber warum haben wir überhaupt Angst, Fehler zu machen? Wie kann etwas schon perfekt sein, bevor gelernt oder geübt wurde? Sind wir nicht beim Lernen auf dem Weg und nicht am Ziel?

          „Ich kann alles lernen“

          Im Zentrum von Ricks Lernkonzept jedoch steht der richtige Gebrauch von Glaubenssätzen. Glaubenssätze sind Überzeugungen über sich selbst oder die Welt, zusammengefasst in einem Satz, die maßgeblich den Lernprozess beeinflussen. „Viele Schüler und Schülerinnen glauben, schlecht in Mathe zu sein“, meint er bedauernd. Das seien negative Glaubenssätze. „Wenn ich glaube, dass ich kein Prüfungstyp bin, ist Lernen gleich negativ konnotiert.“ Stattdessen sollten seiner Meinung nach offen die Herausforderungen angenommen werden, und es solle sich angestrengt werden. Werde die Welt, das Lernen aktiv eingeladen, dann könne Lernen gelingen, so Rick. „Mein liebster Glaubenssatz ist: ,Ich kann alles lernen‘, weil ich davon wirklich überzeugt bin.“ Auch er ist nicht vor einschränkenden Glaubenssätzen sicher und muss sich diesen stellen. „Ich meinte immer, ich wäre unmusikalisch“, ein Freund habe darauf gemeint, dass das Quatsch sei, und ihn ermutigt, eine Ukulele zu kaufen. Das tat Rick dann auch und konnte bereits nach dem ersten Tag den ersten Song spielen. „Wenn ich dem Glaubenssatz gefolgt wäre, hätte ich nie angefangen, mir irgendein Musikinstrument zu besorgen. Ich habe die Sache aber ernst genommen und mir gesagt: Ich mache das jetzt. Ich bestell diese Ukulele und spiele!“ In seiner Begeisterung konnte ihn der Corona-Lockdown nicht stoppen. Um weiter zu lernen und sein Wissen zu teilen, eröffnete er den Youtube-Kanal: „Mathe mit Rick – Mathe. Mindset. Mehr“.

          Der zu werden, der wir sein wollen

          Rick beobachtet eine Wespe, die mit sichtlichem Interesse sein Marmeladenbrötchen begutachtet. Dann blickt er auf und sagt, mit den Glaubenssätzen sei es genauso wie mit Hummeln. Es sei ja physikalisch noch nicht nachgewiesen, wie sie fliegen können, da sie zu schwer seien oder zu wenig Auftrieb hätten. „Die Hummel interessiert sich dafür überhaupt nicht und fliegt einfach los.“ Wir könnten genauso sein. Kein Glaubenssatz sollte uns davon abhalten, besser zu werden, der Mensch zu sein, der wir sein wollen, Chancen zu ergreifen oder uns zu entfalten. „Jeder kann alles lernen, man muss nur daran glauben, wir können alle Hummeln sein!“ Ein Windhauch streift den Tisch. Die Wespe erhebt sich spielend leicht in die Lüfte. Oder war es doch eine Hummel?

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