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Lokführer : Am liebsten steuert Kurt Höhn ganz unterschiedliche Loks

  • -Aktualisiert am

Im Schweizer Bahnverkehr werden Verspätungen schlecht toleriert und oft schon bei zwei Minuten über Lautsprecher gemeldet

          Auf Gleis 9 im Winterthurer Bahnhof wartet Kurt Höhn auf den einfahrenden Regionalzug des ostschweizerischen Zugverbundes „Thurbo“, um seine zweite Schichthälfte anzutreten. Nachdem sich die Lokführer begrüßt haben, setzt sich der Sechzigjährige auf einen im Führerstand überdimensional wirkenden Stuhl. Der Raum wirkt klein, zwei Stühle, ein Arbeitsplatz mit Dutzenden von Knöpfen und einigen Bildschirmen füllen den Raum komplett aus. Höhn tippt diverse Nummern in den Bordcomputer ein, um sich zu identifizieren, und stellt sein iPad mitten auf die Arbeitsfläche. Dann überprüft er die Bremsen auf ihre Funktionalität. „Scheint alles zu klappen“, sagt der Thurgauer Lokführer und betätigt einen weiteren Knopf, woraufhin sich sämtliche Türen des Zuges verriegeln. Während Kurt Höhn den Gashebel betätigt und die Fahrgäste von einer weiblichen Computerstimme begrüßt werden, setzt sich die S30 in Bewegung und verlässt den Bahnhof fahrplanmässig Richtung Weinfelden.

          Junge lassen sich kaum begeistern

          Der einstige Traumberuf seiner Kindheit hat es immer schwerer, Jugendliche für sich zu begeistern. Auch für Thurbo ist es zunehmend schwierig, die Führerstände mit genügend Nachwuchs zu besetzen. Der Zugverbund versucht, mit intensivem Werben das Interesse der Jugend wieder zu wecken. Zusätzlich hat das Unternehmen den Ferienanspruch der Mitarbeiter um eine Woche angehoben. Überdies stellt es den Angestellten ein Diensttablet, ein Dienstsmartphone sowie ein Generalabonnement für das Schweizer ÖV-Netz zur Verfügung. Die Anforderung einer abgeschlossenen Lehre wie Schlosser, Mechaniker oder Elektriker, um Lokführer zu werden, wurde fallengelassen. Deshalb kam auch Kurt Höhn vor 18 Jahren zu seinem Traumberuf, da er die geforderten Qualifikationen besaß. Zuvor war er bereits seit Jahren im öffentlichen Verkehr als Schaffner tätig. „Der Job ist nicht mehr wie früher. Früher hatte man mehr Abwechslung, ich konnte mit ungefähr einem Dutzend verschiedener Lokomotiven fahren, sowohl im Güter- als auch im Personenverkehr.“ Für Kurt Höhn ist das Fahren verschiedener Loks das Interessante an seinem Job. Zu seinem Bedauern befährt Thurbo das Schweizer Schienennetz heutzutage nur noch mit vier verschiedenen Loks.

          Am dichtesten befahren in der ganzen Welt

          Deshalb sucht Höhn die Abwechslung im Sport. Er trainiert die Junioren des FC Rapperswil und ist ein begeisterter Mountainbiker und Wanderer. Die nächsten Ferien stehen für den vielbeschäftigten Lokführer schon bald an. Geplant ist eine Ferienwoche im Schweizer Bergdorf Laax, natürlich auch um seinen Hobbys nachzugehen. Gelegentlich trifft er sich mit Freunden, um eine Partie Jass, das beliebteste Schweizer Kartenspiel, zu spielen. „Das Schweizer Schienennetz ist das am dichtesten befahrene Schienennetz der Welt“, sagt der zweifache Familienvater. „Gerade deshalb ist es so wichtig, dass der Fahrplan strikt befolgt wird.“ Auf dem iPad kann er diesen laufend kontrollieren. Im schweizerischen Bahnverkehr werden Verspätungen schlecht toleriert, auf eine zweiminütige Verspätung erfolgt oft schon über Lautsprecher eine Meldung. Meist liegt die Schuld nicht beim Lokführer. Verspätungen sind oft die Folge technischer Probleme. Für ein unvergessliches Ereignis sorgte einst ein psychisch labiler Passagier, der grundlos die Notbremse zog. Daraus resultierte eine immense Verspätung. Höhn ist aber dankbar, dass ihm nie Schlimmeres passiert ist. Beim Kreuzen eines Gegenzuges erwidern die Lokführer einen Gruß, indem sie eine Hand leicht anheben.

          Das Schönste ist die stetige Abwechslung

          Die vielen Züge verzeichnen einen gewaltigen Energieverbrauch. Durch die heutige Technologie lässt sich der Verbrauch etwas reduzieren, wobei folgende Faustregel gilt: „Drei abwärtsfahrende Züge erzeugen so viel Energie, wie ein aufwärtsfahrender Zug verbraucht“, erklärt Höhn und setzt sich seine Sonnenbrille auf. Die Sonnenstrahlen treffen direkt auf die Fensterfront im Führerstand. Die großen Fenster öffnen ihm einen weiten Blickwinkel. Auf der Strecke Winterthur–Weinfelden reihen sich meist Felder an Felder, die seitlich der Gleise an ihm vorbeizurasen scheinen. Vor allem Mais ist zu sehen. Mittig erstrecken sich die Zugschienen wie zwei silberne Fäden, die sich im Bodennebel kurz vor dem Horizont verschmelzen, bis sie kaum noch zu erkennen sind. „Das Schönste ist die stetige Abwechslung. Man sieht immer etwas Neues, selbst wenn man eine Strecke bereits unzählige Male befahren hat.“ Mit dem wiederholten Befahren der Strecke verbessern sich Höhns geographische Kenntnisse laufend. Obwohl er den häufigen Wechsel der Strecken mag, hat er Vorlieben für den Streckenabschnitt entlang des Bodensees. Nun fährt er mit der S30 zurück nach Winterthur, wo ihm ein weiterer Zugwechsel bevorsteht.

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