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Leseförderung : „Kästner wird nur gelesen, wenn es Klassenlektüre ist“

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Buchhändler und Lehrer über Kinder, die nicht oder nur oberflächlich lesen – so wie ihre Eltern

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          Socke! Der Rabe Socke!“ Ein wahrer Tumult bricht los. Und tatsächlich, da spaziert er in voller Schönheit herein: Rabe Socke mit schwarzen Federn, weiß-rot geringelten Socken und riesigem, gelbem Schnabel. Die kleinen Zuschauer sperren Mund und Augen auf, kichern und tuscheln aufgeregt. Ein Besuch in einer echten Buchhandlung! Und jetzt auch noch der echte Rabe Socke! Gleich wird er vorlesen! „Ich bin so aufgeregt!“, flüstert ein kleines Vorschulmädchen. Unter dem Rabenkostüm steckt Buchhändlerin Susanne Arnold, die sich gemeinsam mit den Kinderbuchhändlerinnen Ute Dörner und Heike Stricker intensiv darum bemüht, Kindern Lust auf die wunderbare Welt des Lesens zu machen. Der „Blätterwald“ in Alzey schreibt Leseförderung ganz groß. Und Leseförderung beginnt immer mit dem Vorlesen. „Ein Drittel der Eltern liest ihren Kindern zu selten vor“, beklagt die Stiftung Lesen. Meist bleibt im Alltag einfach keine Zeit dafür. Für die Kinder bedeutet das, dass es in der Schule Probleme beim Lesenlernen gibt. Ute Dörner, seit 35 Jahren Kinderbuchhändlerin im „Blätterwald“, sieht diese Entwicklung mit großer Sorge: „Früher war das Lesen in den Familien ein großes Thema. Es wurde sehr viel vorgelesen, und wer einmal angefangen hat zu lesen, blieb auch dabei.“ Das hat sich völlig verändert. „Wir haben in den letzten 15 Jahren mehr als die Hälfte der Kinderbuchleser verloren.“ Woran liegt das? An veränderten Familienverhältnissen und an den neuen Medien, meint Dieter Gutzler, Rektor der rheinhessischen Von-Dalberg-Grundschule. „Viele Eltern lesen selbst nicht und sind deshalb keine Vorbilder für die Kinder. Dazu kommt die mediale Überflutung. Ohne häusliche Übungen sind Lesedefizite nur schwer zu beheben.“ In der 3. und 4. Klasse führt das schnell dazu, dass Textaufgaben nicht gelöst werden können, weil der Text nicht schnell genug verstanden wird. „Mit der Intelligenz der Kinder hat das nichts zu tun, eher mit dem sozialen Hintergrund.“

          Sie leihen aus, lesen aber nicht

          Auch die Von-Dalberg-Schule engagiert sich seit vielen Jahren intensiv in der Leseförderung. Die Schulbücherei im Souterrain der Schule bietet Lesestoff für tausend Jahre und gemütliche Lesesofas. Ein echtes Leseparadies, das aber immer weniger genutzt wird. Eine ehrenamtliche Helferin hat es einmal mit einer Gummibärchentüte für jedes ausgeliehene Buch versucht. Doch bald war klar, dass nur ausgeliehen, aber nicht gelesen wurde. Die Schule gibt nicht auf: Autorenlesungen, Lesewettbewerbe, spezielle Lesehefte für den Unterricht und der Zugang zu „Antolin“, der spielerischen Online-Leseförderung. Doch leider, so beklagen die Lehrer, wird „Antolin“ heute kaum noch genutzt, „insbesondere nicht von leseschwachen Schülern“, bedauert der engagierte Grundschulrektor. „Lesenächte“, jahrelang die absoluten Höhepunkte der Ferienspiele in Dittelsheim-Heßloch, wurden aus dem Programm gestrichen. Viele Grundschüler waren kaum mehr in der Lage, länger als zehn Minuten zuzuhören. Zeiten, in denen sich zu einer Erich-Kästner-Nacht über 45 Kinder anmeldeten, die Luise und Lotte, Emil und die Jungs vom fliegenden Klassenzimmer über alles liebten, sind lange vorbei. Heute gibt es die Klassiker von Kästner im Kinderbuchladen wegen mangelnder Nachfrage nur auf Bestellung. „Kästner wird nur gelesen, wenn es Klassenlektüre ist“, sagt Ute Dörner bedauernd. „Aber auch das kommt selten vor. Danach gibt es allerdings immer mal wieder ein paar Kinder, die nach Pünktchen und Anton fragen. Es macht unheimlich viel aus, dass so etwas von außen her an die Kinder herangetragen wird.“Doch nicht nur Erich Kästner verstaubt in den Regalen. Auch Klassiker wie Pippi Langstrumpf bleiben liegen. Was lesen Kinder heute gerne? Ute Dörner schaut seufzend in den Himmel. „Da gibt es viel Oberflächliches. Reihen wie Greg oder Lotta-Leben. Die sind nett, aber das gibt nicht viel Tiefgang.“ Greg und Lotta-Leben sind so etwas wie moderne Comics: Zeichnungen mit kurzen Bildunterschriften.

          Habt ihr nicht Stephen King?

          Im Rahmen des „Tages des Lesens“ lädt der Alzeyer Buchladen jedes Jahr viele 4. und 5. Klassen zu einem Lesetag ein. Nach einer Buchladenrallye dürfen sich die Kinder immer ein Buch aussuchen. Was dann passiert, kann man kaum glauben. „Jedes Mal fragen Kinder: Habt ihr auch ,Es’ von Stephen King?“ Ute Dörner schüttelt den Kopf. „Das verkaufen wir doch nicht an Elfjährige.“ Die Frage ist nur: Woher kennen Fünftklässler Stephen King? Ausgesucht und mitgenommen werden nach den Lesetagen überwiegend Mitmachbücher wie „Spring in eine Pfütze“ oder „Mach dieses Buch fertig“, in denen man Fragen beantwortet, etwas zeichnet oder ankreuzt und das Buch zum Schluss gerne auch komplett zerstört. Die „Texte“ sind meist nicht länger als ein paar Worte. Wer nicht in die Pfütze springen will, entscheidet sich – meist mit lautem Gekreische – für bunten Glibber-Schleim. Der hat mit Lesen gar nichts zu tun. Dafür gibt es auf Youtube viele bunte Filme dazu. Das passt gut. Denn so gut wie alle Fünftklässler haben ein eigenes Smartphone. „Unsere stärksten Verkäufe haben wir im Pappbilderbuchbereich“, sagt Ute Dörner. „Teilweise noch im Erstlesebereich. Dann bröckelt es uns schon ab acht, neun Jahren weg. Vor allem bei den Jungen, die noch stärker an den neuen Medien interessiert sind.“

          Sie liest jedes Jahr 150 Neuerscheinungen

          Ute Dörner macht ihr Beruf trotz des langsamen Verschwindens der Leseratten und Bücherwürmer immer noch großen Spaß. Das liegt nicht zuletzt an den schönen Kinderbüchern, die es auch heute gibt. Ob „Kakerlakenbande“ oder „Gruselfee“, „Train Kid“ oder „Schneiderin des Nebels“. Ute Dörner, die jedes Jahr rund 150 Neuerscheinungen liest, gerät bei diesen Büchern richtig ins Schwärmen. Und dann ist sie schon wieder unterwegs in Sachen Leseförderung: Lesetage, Leseclub, Lesesessel, regionale Organisation des Vorlesewettbewerbs des Börsenclubs – im „Blätterwald“ ist immer was los.

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