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Lebensborn-Kind : Niemand wollte mit dem Nirgendwo-Kind spielen

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Bild: Anke Kuhl, Labor, Frankfurt

Kari Rosvall ist ein Lebensborn-Kind. Als Säugling wurde sie ihrer Mutter entrissen. Sie wuchs bei schwedischen Adoptiveltern auf und zog später nach Irland.

          Es duftet nach frischen Zimtschnecken. Das ganze Haus, das im Süden Dublins liegt, hängt voll bunter, fröhlicher Stickereien und Malereien. Kari Rosvall begrüßt alle mit einem schwedisch ausgesprochenen „Hellooo!“ und einer herzlichen Umarmung. Sie hat auffallend helle, blaue Augen und blondes Haar. Kari Rosvall ist das einzige Lebensborn-Kind, das in Irland lebt. Der Lebensborn e. V. war ein Projekt Himmlers. Ein von der SS getragener, staatlich geförderter Verein, dessen Ziel es war, sogenannte arische Kinder zu züchten. Deutsche Soldaten wurden ermutigt, mit skandinavischen und nordisch aussehenden Frauen, Kinder zu zeugen. Die Kinder nahm man den Müttern weg und brachte sie unter Verschleierung ihrer Identität in Lebensborn-Heimen in Deutschland oder den besetzten Gebieten unter. So auch Kari Rosvall, die im September 1944 im Alter von neun Tagen ihrer Mutter entrissen und von Norwegen nach Hohehorst bei Bremen entführt wurde. Karis helle Stimme und ihr lachendes Gesicht werden plötzlich ziemlich ernst. In einer langen Überfahrt in einem Lastwagen kam sie mit anderen Säuglingen in Deutschland an. Nicht alle Kinder überlebten. Nachdem man sie vermessen hatte, galt Kari in den Augen der Nazis als perfekt. Sie sollte den Nachwuchs im Nazireich sichern.

          Von Lehrerinnen als Bastard beschimpft

          Ihre Mutter und andere, die solche Kinder geboren hatten, wurden dafür in ihren Ländern als Huren beschimpft. Und das, obwohl sie oft vergewaltigt worden waren. Ihre Kinder galten nach dem Krieg als „Ratten“. Niemand wollte sie haben, erklärt Kari. Sie wurde vom Schwedischen Roten Kreuz 1945 gerettet und in Schweden zur Adoption freigegeben. Mit gedämpfter Stimme berichtet sie: „Sogar die Lehrerinnen in Schweden haben mich von meinem allererstem Schultag an als Bastard beschimpft - ein sechsjähriges Kind. Um Gottes Willen!“ Wie eine Südländerin spricht sie mit viel Temperament und Körpereinsatz. „Bis ich 67 Jahre alt war, wusste ich nicht, was in meinen ersten drei Lebensjahren passiert war“, gesteht sie. Ihr erstes Kinderbild sah sie mit Ende 60. „In Schweden war es für mich schwer, einen Pass zu bekommen; meinen ersten hatte ich erst mit 13. Als ich drei Jahre alt war, kamen meine Adoptiveltern in mein schwedisches Kinderheim. Ich bin meinem späteren Papa auf den Schoß gesprungen und habe mich an sein Bein geklammert. Nie hatte ich liebere Augen gesehen. Ich habe ihn ausgewählt“, kichert Kari verlegen.

          Gewidmet all jenen, die im Krieg Leid erfuhren

          Vor kurzem hat die 71-Jährige gemeinsam mit der Journalistin Naomi Linehan ein Buch über ihre Lebensgeschichte auf Englisch veröffentlicht. „Nowhere’s Child“ ist in Irland und Großbritannien ein großer Erfolg. Die schwedische Übersetzung ist in Arbeit. Eine deutsche Übersetzung ist noch nicht in Sicht. Gewidmet ist das Buch „all denen, die während des Zweiten Weltkriegs Leid erfuhren“. Kari erzählt darin, wie sie kurz nach der Geburt von ihrer Mutter getrennt wurde, wie sie mit drei Jahren in Schweden adoptiert wurde, wie sie lange nicht wusste, was vor ihrer Adoption passiert war, wie sie mit 21 erfährt, dass sie in Norwegen und nicht in Schweden geboren wurde und sie ihre leibliche Mutter kennenlernt. „Diese Begegnung war nicht einfach“, gibt Kari zu. „Ich habe viele schlaflose Nächte bei meiner Mutter in Oslo verbracht. Aber ich hatte Glück, dass meine Mutter mich sehen wollte. Viele Lebensborn-Kinder hatten weniger Glück“, sagt sie nachdenklich.

          Oft wurden die Namen der Offiziere geändert

          „Meine leibliche Mama hat nie etwas über meinen Vater offenbart. Nur einmal entglitt ihr der Satz: Dein Vater war kein netter Mann.“ Sie nahm die Antwort auf die Frage, ob Kari Kind einer Liebesnacht oder einer Vergewaltigung ist, mit ins Grab. „Erst Jahre nach ihrem Tod habe ich den Namen meines leiblichen Vaters erfahren. Kurt Zeidler soll er geheißen haben“, sagte sie und streicht sich durch ihre kurzen, blonden Haare. „Doch bis heute weiß ich nicht, ob dieser Mann wirklich mein Vater ist, denn oft wurden die Namen von deutschen Offizieren geändert.“ Kari bereut nicht, nach ihm gesucht zu haben: „Hätte ich die Chance dazu, ja, dann würde ich meinen Vater kennenlernen wollen, immer noch“, gibt sie mutig zu.

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