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Leben in der DDR : Deckname Rabe

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Erpresserisches System: Familienleben in der ehemaligen DDR. Die Eltern wurden als Stasi-Spitzel rekrutiert. Eine Tochter erinnert sich.

          3 Min.

          Natürlich war es immer so ein kleiner Nervenkitzel, über die Bojen hinauszuschwimmen“, erzählt Ute Schneider (Name geändert) aus ihrer Kindheit an der Grenze zur DDR. Eine Neubausiedlung am Rand von Kladow, einem Stadtteil von Berlin, die Häuser sind alle gleich gebaut, hinter ihrem Garten geht der Blick über ein Feld auf einen großen See, in dessen Mitte zu Zeiten des Kalten Krieges die Grenze zwischen den beiden deutschen Staaten verlief. Eine Reihe weißer Bojen, wie eine Perlenschnur aneinandergereiht, markierte die Grenzlinie. Am anderen Ufer stand dann die Mauer. Ute Schneider wuchs auf der westdeutschen Seite auf. Nun, mit 55 Jahren, lebt sie in einer minimalistisch eingerichteten Wohnung im Herzstück von Berlin-Kreuzberg. Mit ihrer schlanken Figur, den kurzen Haaren und den dezent geschminkten Augen macht sie auch mit einem schlichten Rock und Oberteil eine gute Figur. Sie sitzt auf ihrem kleinen, gelben Sofa, daneben zwei große Bücherregale, ein kleiner Fernseher und viele Topfpflanzen.

          Mythos um den Geheimdienst

          Es war für sie keine große Überraschung, herauszufinden, dass ihre Eltern Stasi-Spitzel waren. Es war eher ein langsam wachsender „Aha“-Moment, und als dieser kam, sei es erst mal komisch gewesen. „Und dann wollte ich auch wissen: Was haben die gemacht?“ Mittlerweile haben sich viele Akten angesammelt, die seitenweise von bedeutungslosen, aber teilweise auch lustigen Informationen handeln. „Man wollte sich auf einem Autobahnrastplatz treffen, aber der eine stand in Richtung Nürnberg, der andere in Richtung Berlin, da ist klar, dass man sich nicht treffen kann. Und das eben nenne ich dieses Aufgebauschte. Dass man eben einen riesigen Mythos um den Geheimdienst macht.“ Ihr Vater wurde 1953 von der Stasi als Spitzel rekrutiert, er gab sich selbst den Decknamen „Rabe“. Rabe flog von der Leipziger Universität, wo er Medizin studierte. Ute Schneider erklärt, warum: „Er hatte mehrfach Frauenbesuch in seinem Wohnheim, obwohl dies gegen die Hausordnung verstieß, und dazu kam noch, dass er zu der Zeit eigentlich verheiratet war. Das wurde damals natürlich nicht gerne gesehen. Dazu kamen noch diverse Schlägereien und Events, an denen er hätte teilnehmen müssen, sich aber vertreten ließ und das Geld, welches er bekommen hätte, trotzdem einsteckte.“ Daraufhin reiste er nach West-Berlin, um sich dort an der Uni zu bewerben, doch auf dem Rückweg fing ihn die Transportpolizei ab, welche damals zur Stasi gehörte. Denn nach 1952 war es strafbar, die DDR ohne Genehmigung zu verlassen.

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