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Kritischer türkischer Autor : Sein Sohn soll in Freiheit leben

  • -Aktualisiert am

Bild: von Zubinski

Dem türkischen Journalisten drohte in seiner Heimat Gefängnis. Nun lebt er hier und erinnert an das Leid inhaftierter Mütter und Kinder.

          4 Min.

          Was sich wie eine Niederlage anfühlt, kann ein Start in ein besseres Leben sein. Diese Lektion lehrte das Leben Akin Öztürk, einen Journalisten und leidenschaftlichen Kämpfer für Meinungs- und Pressefreiheit in der Türkei. Es ist ein sonniger Sonntagnachmittag in einem Dorf am Fuße der Alpen, im Berchtesgadener Land, 20 Kilometer südwestlich von Salzburg, als der ehemalige Redakteur einer oppositionellen Zeitung bei einer Tasse türkischen Tee in seinem Wohnzimmer über sein Leben als Journalist im „Staate Erdogan“ erzählt. Als gläubiger Muslim erfüllt Öztürk mit seinem schwarzen, gepflegten Vollbart seine religiöse Pflicht als Mann. Sein braves Erscheinungsbild und seine tiefbraunen Augen lassen nicht erahnen, welche Geschichte er hinter sich hat.

          Folterähnlichen Qualen ausgesetzt

          Der gescheiterte Putschversuch in der Türkei mit vielen Todesopfern in der Nacht vom 15. auf den 16. Juli 2016 habe sein Leben einschneidend verändert. 8000 Soldaten des türkischen Militärs organisierten einen Aufstand, der von Erdogan niedergeschlagen und zum Erhalt seiner Macht instrumentalisiert wurde. Der ehemalige Oberbürgermeister von Istanbul nutzte den Putsch, der ursprünglich gegen ihn gerichtet war, um demokratische und rechtsstaatliche Standards in der Türkei einzuschränken. „Mehr als 500 000 Menschen wurden festgenommen oder aus dem öffentlichen Dienst vertrieben, mehr als 200 000 Pässe annulliert. Darunter litten Akademiker, Ärzte, Richter, Polizisten, Soldaten und Lehrer“, sagt Akin Öztürk, ein Opfer dieser Repression. „Hätte es an diesem Tag die Todesstrafe gegeben, dann wären Tausende Menschen von dem Regime hingerichtet worden.“ Kurz nach dem Staatsstreich überfiel die Polizei die Redaktionsräume seiner Zeitung. Sie wurde gewaltsam geschlossen und verboten, 200 Journalisten wurden verhaftet, 70 davon kennt Öztürk persönlich. „Die Inhaftierten wurden folterähnlichen Qualen ausgesetzt. Zu Beginn hatten viele nicht einmal die Chance, ihren Anwalt zu kontaktieren.“

          Sein Name auf der Verhaftungsliste

          In seinen Artikeln enthüllte er die Korruption und Geldverschwendung in Millionenhöhe des herrschenden politischen Establishments. Dafür musste er sich mehrmals vor Gericht verantworten. Er lebte ständig in der Furcht, dass ihn das gleiche Schicksal erlangt wie das seiner Freunde und Kollegen: Verhaftung! Er befürchtete, dass jedes Gespräch mit Freunden und Familienmitgliedern auf unbestimmte Zeit das letzte sein würde. Eines Abends erreichte ihn der Anruf eines Bekannten. Sein Name wurde auf der Verhaftungsliste entdeckt. Um einer Inhaftierung zu entgehen, entschied er sich zur Flucht und packte seinen Rucksack. Der enorme Zeitdruck zwang das Ehepaar, bis auf Flugtickets, 500 Euro und Kleidung für drei Tage alles hinter sich zu lassen. Mit seiner Frau an der Hand und Erinnerungen im Gepäck ging es zunächst nach Bosnien. Eine Woche blieb das Paar in einer Holzhütte in einem Dorf nahe der serbischen Grenze und gelangte dann nach München. Am Franz-Josef-Strauß- Flughafen meldeten sie sich als politische Flüchtlinge bei der Bundespolizei. Sie hofften, dass ihr Asylgesuch ernst genommen und ihnen ein Aufenthaltsrecht gewährt wird. In den ersten drei Tagen erhielten sie Unterschlupf bei ihrem Freund Sinan. Es fiel Öztürk schwer, die psychischen Lasten zu verarbeiten. Schlafmangel, Stress und ständige Kopfschmerzen ließen ihn an Gewicht verlieren. In seinem Kopf drehte sich alles nur um die Anerkennung seines Asylantrags. Hin und wieder saß er mit seiner Frau und Sinan bei einer heißen Tasse Suppe.

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