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Kreative Schneiderin : Sie wertet Kostüme künstlerisch auf

  • -Aktualisiert am

Bild: Claudia Weikert

Zwischen Aufträgen für den Zirkus und ihr eigenes Atelier: Eine Schweizer Schneiderin hat zu viele Ideen für nur einen Beruf.

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          Den fertig genähten Kleidern hänge ich einen Zettel mit einem lachenden Smiley an, damit auch fremdsprachige Artisten verstehen, dass die Kostüme abholbereit sind“, sagt Sonja Haberstroh und richtet den Meter, der ihr um den Hals baumelt. Zurzeit arbeitet sie für eine Saison als einzige Schneiderin beim Salto Natale, dem „Circus der anderen Art“. Der Zirkus gastiert nahe dem Zürcher Flughafen und ist mit verschiedenen Verkehrsmitteln gut erreichbar. Seit eineinhalb Jahren betreibt die 38-Jährige nebenbei voller Stolz noch ihr eigenes Atelier in Hittnau im Zürcher Oberland. Sonja Haberstroh ist gut beschäftigt. Daher ist es nicht sonderlich erstaunlich, dass sie täglich ungefähr zehn Arbeitsstunden zu bewältigen hat. Bis vor kurzem war die gelernte Schneiderin noch an einer Primarschule tätig. Sie unterrichtete die Kinder in Handarbeit und Werken sowie Englisch. Während den vergangenen fünfzehn Jahren, als sie in Pfäffikon ZH im Primarschulhaus Metteln angestellt war, schloss sie nebenbei erfolgreich Ausbildungen als Erwachsenenbildnerin, Visagistin, Maskenbildnerin und Hairstylistin ab. Ein Berufswechsel war daher die logische Folge für die vielseitig begabte Frau. Momentan hegt die ehemalige Lehrerin aber Präferenzen für den Schneider- und Visagistenberuf. Dass Sonja Haberstroh bereits nach sechs Monaten in der neuen Arbeitswelt Fuß gefasst hat, beweist sie mit folgender Aussage: „Die Menschen sind viel dankbarer. Auch wenn ich beispielsweise nur einen Knopf annähe, erhalte ich dafür ein Dankeschön. Als Lehrerin wurde meine Arbeit als selbstverständlich hingenommen.“

          Engagiert für die Weltmeisterschaft in Paris

          In der Ecke des grauen Containers, der neben dem Zirkuszelt steht, hat sie ihren Arbeitsplatz. Auch das Büro befindet sich in diesem Container. Das Geräusch von Tastaturschlägen ertönt und überall liegen Papierstapel herum. Die farbenfrohe Schneiderecke passt nicht so ganz ins Bild. Natürlich thront eine Nähmaschine mitten auf dem Pult. Ein Bügeleisen und zwei Kleiderständer mit bunten Kleidern stechen ebenfalls ins Auge. Gelbe Zettel kleben vereinzelt auf der Arbeitsfläche, um anstehende Arbeiten nicht zu vergessen. Bei ihrer Arbeit begegnete Sonja Haberstroh schon oft prominenten Persönlichkeiten. Darunter auch der achtfache Friseurweltmeister Martin Dürrenmatt, der Zirkusbesitzer Rolf Knie, die Göteborgs Operans Danskompani und viele weitere. Bei der Zusammenarbeit mit Martin Dürrenmatt lief nicht alles nach Plan. Haberstroh wurde engagiert, um die Kleidung und den Haarschmuck des Modells für die Weltmeisterschaft 2017 in Paris zu schneidern. Dabei sollten das Kleid und der Haarschmuck mit 7500 Swarovski-Steinen besetzt werden. Bedauerlicherweise fielen immer wieder Kristallsteinchen ab. Das Problem: Die Steinchen lösten sich mitsamt der Farbe vom Kleid. Schließlich konnte sie das Problem lösen, indem sie eine neue Farbe nutzte und in langwieriger Arbeit das Kleid erneut mit den Kristallen besetzte. Beim Zirkus sind ihr bisher noch keine Pannen passiert. Ihre Aufgabe besteht darin, die Kostüme der Artisten zu schneidern und sich um deren Unterhalt zu sorgen. Doch manche Artisten bringen ihre Kleidung bereits mit wie beispielsweise die spanische Tanzgruppe. Bei einem dieser Kleider brachte sie einen Rock aus rosa Federn an, bei einem weiteren färbte sie die weißen Verbindungsträger in der Farbe des mitternachtsblauen Kleides ein und wertete somit die Garderobe künstlerisch auf. Das Einbringen der eignen Ideen macht ihr Spaß. Sie hat ein Auge fürs Detail. „Die schönsten Begegnungen habe ich mit bekannten Personen, welche eigentlich aber ganz normal sind und mit denen ich angeregte Gespräche führen kann.“

          Zwischen Hühnern und Turniersiegen

          Die Arbeit außerhalb ihres Ateliers erledigt sie vor allem, um bekannt zu werden. Es bleibt ihr kaum genügend Zeit, um sich um alle Aufträge in ihrem Atelier zu kümmern. Doch sagt sie: „Mein Ziel ist es, nicht nur das Atelier zu führen. Es gibt auch andere Jobs, die toll sind und genau diese Abwechslung fasziniert mich.“ Im Atelier kommt es auch mal vor, dass sie während Tagen keine Aufträge erhält und somit auch nichts zu tun hat. Sonja Haberstroh ist eine äußerst offene und unternehmungslustige Person. Sie hat ihren Traumberuf gefunden. Das zeigt sich darin, dass sie selbst in der Freizeit noch gern bastelt und zeichnet. Schon als Kind hatte sie die Vorstellung, einen handwerklichen Beruf auszuüben. „Ich wollte Goldschmiedin werden“, meint sie und schaut auf ihre Hand, an einem Finger steckt ein selbstgemachter Goldring. Um Abwechslung in ihr Leben zu bringen, nimmt die Schneiderin an Tanzturnieren teil. Sie tanzt Standard und Latein und hat damit bereits einige Turniersiege errungen. Die Zeit, die die ledige und viel beschäftigte Frau zu Hause ist, verbringt sie mit ihrem Familienhund Gino und den vier Appenzeller Spitzhauben, einer raren Hühnerrasse.

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