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Komatrinken : „Nur wer kotzt, trinkt am Limit“

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Erst ein gepflegtes Bier, dann gern härtere Sachen - weil's billig ist und knallt Bild: ddp

Mittelschichtskinder trinken angeblich maßlos. Was sagen Jugendliche selbst? Welche Rolle spielt Alkohol in ihrem Leben? Keiner bezeichnet sich selbst als Komasäufer. Aber gelegentlich kommt der Rettungswagen. Ein Protokoll von Julia Schaaf.

          Er erinnert sich noch, dass er die Tischtennisbälle irgendwann nicht mehr gesehen hat, das war vielleicht gegen zehn. Den Rest haben ihm Freunde erzählt. Dass er plötzlich mit Headset hinterm Schuppen saß und am Leben zweifelte, um im nächsten Moment wieder herumzuspringen, als wolle er alle umarmen. Wie er rumerzählt hat, dass sein Kumpel wieder mit seiner Ex geschlafen hat, obwohl das Mädchen danebensaß. Vor den Augen der anderen muss er in die Hecke gepinkelt haben.

          Freitag vor einer Woche, Christians 18. Geburtstag: Er hatte Fleisch gekauft und mariniert, die Eltern waren im Kino. Sie wollten sich mal wieder so richtig abschießen, er und sein bester Freund, und der sagt immer: „Nur wer kotzt, trinkt am Limit.“ Aber der verträgt ja auch gerade mal vier Bier und ein bisschen Wodka. Christian wollte eigentlich vorher aufhören. Aber plötzlich war Morgen, und Christian fand sich in seinem Bett wieder. Der Garten war ein Schlachtfeld. Die Steaks, die sie auf dem Grill vergessen hatten, hatten die Katzen gefressen. „Ich soll wohl sauviel Spaß gehabt haben. Aber ich kann mich nicht daran erinnern“, sagt Christian. Und: „Ich fühl mich immer noch schlecht, wenn ich an den Abend denke.“

          Tina hat einen Promillerechner

          Christian sitzt in der Cafeteria eines Berliner Gymnasiums und verpasst zwei Stunden Mathe, während Tina und Pauline (alle Namen geändert) sich krümmen vor Lachen, vor Entsetzen, sagen sie, aber der Unterhaltungswert ist groß. Christian versichert, die Geschichte sei ihm peinlich: sein erster Filmriss. Seine Freundin habe ihn nur noch eklig gefunden. Und dabei zählt er sich doch mittlerweile zu den Leuten, die er „reif“ nennt, weil sie sich nicht mehr wie Zehntklässler jedes Wochenende besaufen, sondern sich wieder für andere Dinge interessieren.

          „Wir haben rechtzeitig aufgehört“, sagt Pauline und meint, dass sie weniger trinkt, je erwachsener sie sich fühlt. Wenn die Achtzehnjährige den Tag nicht verkatert im Bett verbringen will, rührt sie den Abend vorher keinen Alkohol an. Tina, 19, hat sich gerade einen Promillerechner besorgt. Sie wird am Wochenende in Hamburg ihre letzte Abiklausur feiern. Dafür muss sie wissen, wann sie wieder nüchtern ist für die Rückfahrt mit dem Auto.

          Vincent, 16: „Es ist dieses magische Ding Alkohol. Alle erzählen immer davon. Das will man halt probieren.“

          Theresa, 19: „Wichtig ist, dass man einmal einen derben Absturz hat.“

          Pauline, 18: „Mein Papa meint immer: ,Wir waren noch schlimmer.'“

          Luisa, 18: „Alkohol gehört zum Erwachsenwerden dazu.“

          Quincy, 18: „Ich habe das Gefühl, dass Alkohol zu unserer Gesellschaft dazugehört.“

          Qincy glaubt seine Grenzen zu kennen

          Quincy ist Schulsprecher eines Gymnasiums in Berlin-Mitte. Er spielt Bass, hat samtkurze Haare und einen klaren Blick. Leute, die sich dreimal am Abend übergeben und dann trotzdem im Krankenhaus landen, weil sie weitergesoffen haben, hält er für „reichlich doof“. Er kennt seine Grenzen, sagt er, Lernziel erreicht, was allerdings die meisten von sich behaupten. Auch Quincy hat schon mal zügig drei Bier „hinter sich gebracht“, als er Ärger mit seinem Vater hatte, aber trotzdem zur Geburtstagsfeier eines guten Kumpels musste. „Dann ging's besser“, sagt er.

          Vier Freundinnen hatte er schon, dreimal war am Anfang der Beziehung Alkohol im Spiel. Trotzdem ist Quincy oft der einzige, der am Ende einer Party nüchtern ist. Er sagt: „Bei manchen Abenden habe ich das Gefühl, der Abend ist nur lustig, weil die Leute betrunken sind. Es sollte aber umgekehrt sein.“ Ihm kommt es so vor, als wüssten viele seiner Altersgenossen nichts mit ihrer Freizeit anzufangen. „Die Leute sind einfach unkreativ.“

          Am Anfang ist die Klassenfahrt

          Es beginnt vielleicht mit einer Klassenfahrt. Vier Siebtklässler schmuggeln zwei Flaschen Alkopops ins Naturschutzgebiet, sind schrecklich aufgeregt, ob der Lehrer etwas merkt, und denken dann, sie wären betrunken. „Ich erinnere, dass ich den Effekt gar nicht so extrem gespürt habe“, sagt Quincy und erzählt, wie sie trotzdem Böller gezündet haben. Sein Kumpel hat sich beim Pinkeln im Kreis gedreht. Offenbar wussten sie, was unter Alkoholeinfluss erwartet wird. Denn die meisten berichten von ähnlichen Eskapaden. Wie sie nachts über den Zaun ins Freibad geklettert sind. Wie sie im Ferienlager mit Klamotten schwimmen gingen. Wie sie nur in Hotpants zum Bahnhof rannten, mitten im Winter. Wie sie immer beim Pizzabäcker Reste schnorrten. „Das möchte ich nicht missen“, sagt eine Neunzehnjährige. „Das traut man sich ja nüchtern nicht.“

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