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Kolonialwarenladen : Der Duft der Kindheit

  • -Aktualisiert am

Bild: Philip Waechter

Chinesische Grünteeblumen und ukrainische Aronia-Beeren: eine Kolonialwarenhandlung in Zürich zwischen Tradition und Moderne.

          Gewürze, Kaffee und Dörrfrüchte aus aller Welt türmen sich im Schaufenster des Hauses in der Münstergasse 19 auf. Ein farbenfrohes Bild an außergewöhnlichen Spezialitäten bietet sich den Passanten in der Altstadt Zürichs. Ob einheimischer Kastanienhonig oder Sukari-Datteln aus dem Nahen Osten, in der Kolonialwarenhandlung „H. Schwarzenbach“ wird man fündig. Das Angebot ist so vielfältig wie die Kundschaft. „Unsere Kunden reichen von Studenten und Studentinnen, die mittags einen Abstecher ins Niederdorf machen, bis zu Stammkunden, die seit sechzig Jahren unseren Laden betreten“, sagt Heinrich Schwarzenbach, der bequem gekleidete Geschäftsführer der Kolonialwarenhandlung. Der Grundgedanke bei Schwarzenbach, wie der Laden von vielen Zürchern genannt wird, sei die Begeisterung für Lebensmittel und die Faszination für fremdländische und seltene Produkte, wie chinesische Grünteeblumen, Curryblätter aus Madagaskar und Aronia-Beeren aus der Ukraine. Es tragen jedoch nicht nur die strahlenden Farben zum Ambiente dieses Geschäfts bei, sondern auch die einladenden Gerüche. Spaziergänger an der Münstergasse werden vom himmlischen Duft frisch gerösteten Kaffees angelockt. Im Laden mischt sich Kaffeearoma mit würzigen sowie süßen und fruchtigen Düften. Durch das expandierende Sortiment kommen ständig neue Gerüche dazu. Trotz der Veränderung hat der Geruch des Ladens etwas Beständiges, was die Kundschaft seit mehr als 150 Jahren anlockt.

          Ihn überkommt ein Gefühl des Heimkehrens

          Genau diese Beständigkeit ist dem sympathischen, 52-jährigen Geschäftsführer wichtig. Sobald ein Kunde den Laden nach einer Weile wieder einmal besucht, sollen Erinnerungen geweckt werden. Wenn Heinrich Schwarzenbach, kurz Heini, nach langen Ferien seinen ersten Arbeitstag startet, überkommt auch ihn ein Gefühl des Heimkehrens. Die Verkaufstheke, die vergoldeten Kaffeebehälter und Plakate, die Pfeffer oder Schokolade anpreisen, stammen teils noch original aus der Gründungszeit.

          Ist der altertümliche Begriff Kolonialwarenhandlung heutzutage noch passend? Diese Frage stellen sich Passanten gewiss, die zum ersten Mal die goldene Aufschrift „Kolonialwaren“ lesen. „Ich erinnere mich an eine Kundin, die eines Tages in den Laden stürmte und mich ziemlich derb auf unseren Namen ansprach. Was uns denn eigentlich einfalle, ein Geschäft Kolonialwarenhandlung zu nennen“, berichtet Heini. Nach reiflicher Überlegung kam er zum Schluss, dass es sich bei „Schwarzenbach“ um genau dies handelt, eine Kolonialwarenhandlung mit Produkten aus ehemaligen Kolonien. Mit Produkten wie Eiern, Frisch- und Dörrgemüse begann die Geschichte der Kolonialwarenhandlung, heute führt sie gut 3000 Artikel. Durch dieses Sortiment und den Online-Handel wird der Laden den heutigen Ansprüchen der Kundschaft gerecht, während andere Traditionsbetriebe aus der Nachbarschaft schon lange verschwunden sind. Die 14 Angestellten sollen genau über die Herkunft eines Produktes informieren können. Es ist kein Geheimnis, dass in Zeiten der Globalisierung und Digitalisierung das Bedürfnis, mehr über Herkunft und Geschichte der Lebensmittel zu wissen, steigt. Transparenz wird also großgeschrieben, mit dem neu eingeführten Kassensystem ist diese nun besser gewährleistet. Zuvor addierten die Angestellten noch ganz traditionell die Preise der Produkte mit einem Taschenrechner. Obwohl diese Tradition zum Flair beitrug, sind gewisse technische Anpassungen unvermeidbar. In Supermärkten scannen die Kunden anstelle von Kassierern ihre Ware selber ein und bezahlen an einem Apparat, doch viele Kunden suchen gerade das Gespräch. Daher weiß Heinrich Schwarzenbach mit Blick in die Zukunft eines ganz genau, und zwar dass die persönliche Beratung immer ein Teil des Ladens sein wird. „Das ist, was der Kunde bei uns schätzt. Man muss sich bei uns nicht vor einem fünf Meter langen Olivenölregal zurechtfinden und verzweifelt nach der richtigen Note suchen.“

          Auf Bali entdeckte er Hibiskusblüten und langen Pfeffer

          Heini ist es enorm wichtig, besonders seine Stammkunden zu pflegen. „Zu den Geschäftszeiten meines Großvaters kamen Kinder, und heute kommen sie im Pensionsalter immer noch. Für sie ist Schwarzenbach eine Erinnerung an früher. Sie erinnern sich an Produkte, die sie in ihrer Kindheit kauften und die wir heute immer noch in unserem Sortiment haben.“ Dennoch ist er ständig auf der Suche nach neuen Produkten, um seine Kundschaft zu begeistern – sei es in den Ferien auf Bali, wo er unter anderem Hibiskusblüten und langen Pfeffer entdeckte, oder auf dem Street Food Festival in Zürich, bei welchem er sich an den Ständen inspirieren lassen kann. „Ich höre auf mein Bauchgefühl, und ich lasse mich auf Neues ein.“ So wie seine Kunden nicht vor neuen Produkten scheuen, lässt er selbst sich auf den Geschmack außergewöhnlicher Produkte bringen. Die Kolonialwarenhandlung bietet ein Zusammenspiel von Qualität, Diversität und Rarität. Es ist eine kulinarische Entdeckungsreise, bei der man in eine andere Welt eintritt und die Erinnerung in Form eines aromatischen Päckchens Kaffees, eines süßen Mangostreifens oder einfach des Geruchs, der in der Nase hängenbleibt, mitnimmt.

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