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Kirche in Coronazeiten : Beten vor leeren Bänken

  • -Aktualisiert am

Wie Covid-19 Glaubenspraxis und Gemeindeleben verändert. Über Angst und Einsamkeit, Online-Andachten und Chat-Kontakte. Besuch im Kirchenkreis Aachen.

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          Liebe Gemeinde, Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit. Diese Worte aus dem ersten Kapitel des zweiten Timotheusbriefes scheinen mir wie für die aktuelle Situation geschrieben.“ Pfarrer Rolf Schopen steht hinter dem Altar und predigt. Das macht er mindestens jeden zweiten Sonntag, im Wechsel mit seiner Kollegin Ute Meyer-Hoffmann. Aber heute, an einem Dienstag Ende März, ist die Kirche leer. Anstelle der rund 80 Menschen, die sonst im Durchschnitt an einem Sonntagsgottesdienst teilnehmen, sind nur drei Personen anwesend: der Pfarrer, die Kirchenmusikerin und ein Ehrenamtlicher, der für die Technik zuständig ist. Sie sitzen weit über die Reihen verteilt, um einander bloß nicht zu nahe zu kommen.

          Es ist die Woche nach dem Lockdown, die Bundesregierung hat Präsenzgottesdienste verboten. Deshalb ist die evangelische Kirchengemeinde Kornelimünster-Zweifall, die im Süden von Aachen direkt an der belgischen Grenze liegt, auf Online-Andachten umgestiegen. Immer mittwochs und sonntags um 11 Uhr werden 20- bis 30-minütige Audiodateien auf die Gemeinde-Website hochgeladen. Ende April zeichnet sich ab, dass das Angebot angenommen wird, und das in unerwartetem Maße: Etwa 140 Mal wird sonntags auf die aktuelle Andacht zugegriffen. „Wir versuchen, durch Gebete, Ansprachen und Musik die Gottesdienste sehr hörerorientiert zu gestalten“, erklärt Pfarrerin Ute Meyer-Hoffmann in einem Telefongespräch. „Das Spannende ist, dass wir dabei zum Teil höhere Zuhörerzahlen haben als im normalen Gottesdienst.“

          Bei der Telefon-Seelsorge melden sich deutlich mehr

          Bedeutet das, dass die Menschen in unserer aufgeklärt-säkularen Gesellschaft in Krisenzeiten wieder mehr Halt im Glauben suchen und finden? Eher nicht, meint Pfarrer Schopen. Zwar würden wie in jeder Krise sicherlich mehr Menschen nach Gott fragen. „Aber ich denke, dass das zumindest in der Regel nur bei Menschen funktioniert, die auch vorher schon ein Glaubensleben praktiziert und Vertrauen in Gott aufgebaut haben. Dann kann dieses Vertrauen in Krisenzeiten sicher auch besonders tragen. Gerade, wenn man isoliert ist, kann der Glaube dazu beitragen, dass man sich begleitet und behütet weiß, sogar im Angesicht von Sterben und Tod.“

          Letzteres ist zu einem besonders sensiblen Thema geworden, das aus seelsorgerlicher Perspektive viel Aufmerksamkeit und Hingabe erfordert. Die Anzahl der Menschen, die sich täglich bei der Telefon-Seelsorge im Kirchenkreis Aachen melden, hat sich seit Beginn der Corona-Krise um 50 Prozent gesteigert. Statt 27 wie im Vorjahr führen die 90 ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter jetzt 40 Telefonate am Tag. Auch die Anzahl der Chatkontakte hat sich mehr als verdoppelt. Hauptthemen der Seelsorgekontakte sind wie in jeder Zeit Einsamkeit und Angst. Diese wird nun aber durch die von Covid-19 ausgehende Bedrohung noch gesteigert.

          Gruppenarbeit der anderen Art

          Petra Jentgens, die als Diplomsozialarbeiterin in der diakonischen Gemeindearbeit tätig ist, berichtet von ihrer seelsorgerlichen Tätigkeit. Zu ihrer Zielgruppe gehören Menschen ab 60 Jahren, die nun besonders gefährdet sind und oftmals gänzlich isoliert leben. Da die wöchentlichen Treffen wegfallen und Hausbesuche nicht mehr möglich sind, mussten andere Wege gefunden werden, um die Senioren begleiten und unterstützen zu können. „Im Mittelpunkt stehen das Telefon und die Post, um mit den Gemeindegliedern in Kontakt zu bleiben, zu beraten, miteinander Lösungen zu unterschiedlichen Problemen zu überlegen oder einfach nur zu plaudern“, sagt Jentgens. Mit dem Internet könnten viele der über 80-Jährigen nicht umgehen. Aber die immer schon bestehenden Telefonketten funktionierten gut. So würden Menschen auch einander helfen. „Insgesamt sind es etwa 90 bis 100 Gemeindeglieder, die auf diesem Weg in Kontakt stehen“, schätzt Jentgens. „Das ist auch für mich eine große Beruhigung, denn allein könnte ich das über diese lange Zeit, deren Ende noch nicht abzusehen ist, gar nicht leisten.“ Per Post erhielten die Senioren Flyer und Hefte, die sonst im Gemeindezentrum auslägen, auch Rätsel seien beliebt. Zu Ostern wurden Kerzen verschickt. Im Rundbrief hat sie Dietrich Bonhoeffer zitiert: „Ich glaube, dass Gott aus allem, auch aus dem Bösesten, Gutes entstehen lassen kann und will.“ Nun sei es Aufgabe der Senioren, ihr dazu Gedanken zu übermitteln. „Die werde ich zusammenfassen und den Einzelnen wieder zukommen lassen. Also Gruppenarbeit der anderen Art.“

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