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Kiosk in Bilbao : Unter Druck

  • -Aktualisiert am

Bild: Jörg Mühle

Es gibt noch treue Stammkunden aber vor allem schwindende Ausgaben. Ein älteres Paar betreibt einen Zeitungskiosk in Bilbao und erlebt, wie rasant sich die Medienwelt ändert.

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          Es gibt immer weniger davon, aber die Zeitungskioske sind noch Teil des alltäglichen Lebens in den Städten. Auch in Bilbao gibt es noch treue Kunden, die jeden Morgen zum Pressekiosk gehen, um die Zeitung zu kaufen. 1989 eröffneten der 69-jährige Ángel Aznárez und seine Frau Ana, ehemalige Arbeiter in einem Stahlwerk, das geschlossen worden war, einen kleinen Kiosk auf der Gran-Vía-Straße im Zentrum. Die wenigen Kioske, die es in Bilbao noch gibt, haben die gleiche klassische Ästhetik mit einem kleinen Raum, einem Ladentisch und Glasregalen. Während Ángel am Schalter steht, legt Ana die gerade angekommene internationale Presse, darunter auch einige Zeitschriften aus Deutschland, ins Regal. „Jede Woche erhalten wir Presse aus verschiedenen Ländern, da Bilbao eine touristische Stadt ist und daher eine beträchtliche Nachfrage besteht. Wir haben auch einige Kunden, die gerne aus einer internationalen Perspektive informiert werden möchten und es immer noch vorziehen, dies auf Papier zu tun“, sagt Ana.

          Was sie am meisten beunruhigt

          Sie haben gerade die letzten Exemplare von zwei legendären spanischen Zeitschriften erhalten, die nach fast 40 Jahren nicht mehr als Papierausgabe erscheinen werden. Es tut ihnen jedes Mal „sehr leid“, wenn ein Medium schließt, aber was diese Zeitungsverkäufer am meisten beunruhigt, ist der drastische Rückgang der Verkäufe der Tagespresse in den vergangenen Jahren, „denn letztendlich ist es das, wovon wir leben, und der Rückgang hat sich im letzten Jahr enorm beschleunigt“. Die Daten des Estudio General de Medios, der jährlich die Leserzahl der spanischen Zeitungen untersucht, bestätigen dies: In Spanien verloren gedruckte Zeitungen allein im Jahr 2019 mehr als 850 000 Leser. Nach diesen Angaben gibt es spanienweit 9,6 Millionen tägliche Leser, weniger als die Hälfte der Leserzahl vor zehn Jahren.

          Verschwunden oder im Netz erschienen

          „Als wir mit unserem Geschäft anfingen, konnte sich noch niemand vorstellen, dass in wenigen Dekaden das Internet die Presse völlig verändern würde. Für uns war die Eröffnung eines Zeitungskiosks eine Möglichkeit, nach dem Verlust unseres Arbeitsplatzes in der Fabrik einen neuen Anfang zu machen, und wir dachten, dass dies langfristig eine rentable Option sein würde“, sagt Aznárez. Doch die Welt hat sich seitdem sehr geändert. In den 90er Jahren verkaufte er jeden Sonntag locker mehr als tausend Exemplare von El Correo, der meistgelesenen Zeitung des Baskenlands. „Jetzt, an einem guten Wochenende, sind es meistens nicht mal hundert, und es ist die Zeitung, die sich am meisten verkauft“, erklärt er. „Früher gab es auch etwa fünfzehn verschiedene Tageszeitungen, die meisten sind entweder in den letzten Jahren verschwunden oder haben auf gedruckte Ausgaben verzichtet, um nur im Netz zu erscheinen“, sagt er resigniert, während er ein Kreuzworträtsel der Zeitung ABC ausfüllt, mit dem er sich während der zehn Stunden, die er täglich an seinem Kiosk verbringt, amüsiert. Im Laufe der Jahre haben sie miterlebt, wie die Papierpresse angesichts der Digitalisierung allmählich an Stärke verloren hat. Sie waren daher gezwungen, ihr Geschäftsmodell neu zu erfinden. Jetzt ist der Verkauf von Zeitungen und Zeitschriften, obwohl er noch einem wichtigen Anteil ihres Gewinnes entspricht, nicht ihre einzige Einkommensquelle. Seit zehn Jahren verkaufen sie auch ein kleines Sortiment von Bestsellern und Billigausgaben von Zeitungsverlagen, Stadtsouvenirs und Tabak.

          Er schrie auf der Straße

          „Ich sehe darin keine Zukunft, aber ich bleibe hier, solange der Körper durchhält“, sagt Ángel, der sich daran erinnert, dass er schon ein „quiosquero“ war, bevor er sein Geschäft eröffnete. „Meine Familie begann vor über hundert Jahren, in dieser Straße Zeitungen zu verkaufen. Als ich jung war, verkaufte ich sie, indem ich auf der Straße schrie, und wir hatten sie in einer Schachtel dort in der Mitte des Bürgersteigs.“ An Ruhestand denken sie nicht, denn obwohl sie über Ersparnisse „aus guten alten Zeiten“ verfügten, mussten sie diese während der Krise ausgeben, um ihren Kindern, die arbeitslos wurden, zu helfen. „Es gibt Monate, in denen das, was wir verdienen, weniger als 800 Euro beträgt“, sagt Ángel. „Ich habe immer noch einige Stammkunden, aber niemand unter 50 kommt mehr, um bei mir eine Zeitung zu kaufen, weil sie alles im Internet lesen“, bedauert er. Obwohl er glaubt, dass an dem Verfall der gedruckten Presse das Internet schuld ist, glaubt er, dass auch die Zeitungen ein Fehler begangen haben, „da sie begannen, alles kostenlos im Internet zu veröffentlichen, und nun bedauern, dass sie verschwinden werden, und wir werden mit ihnen von der Bildfläche verschwinden“, sagt er und zeigt auf den Stapel Zeitungen.

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