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Kindertafel Schweinfurt : Wie schmeckt eine Paprika?

  • -Aktualisiert am

Bild: Anke Kuhl / Laborproben

Anfangs waren die Rektoren skeptisch, als der Kindertafel-Bus auf den Schulhof bog. Heute ist das anders. 400 Kinder werden in Schweinfurt mit Essen versorgt.

          5 Min.

          Wenn Kinder früh etwas im Bauch haben, dann sind sie leistungsfähiger.“ Stefan Labus, im November vor elf Jahren einer der Gründer der Schweinfurter Kindertafel und Geschäftsführer des Bundesverbandes Deutsche Kindertafel e.V., erklärt, warum gerade in Schweinfurt dieses spezielle Sozialprojekt, das es mittlerweile in mehreren deutschen Städten unter dem Dach des Bundesverbandes gibt, entstanden ist. Labus merkte schon 2003, als er kurze Zeit im Stadtrat und dort im Sozialausschuss saß, dass Kinderarmut Schweinfurt besonders betrifft. Drei Hauptgründe nennt er: „Wir haben hier in der Stadt relativ viele Familien, die von Hartz IV leben, das heißt sozial Schwächere, dann haben wir die Gruppe der Alleinerziehenden, die für die Kindertafel eine nennenswerte Bedeutung haben, und wir haben sehr viele Kinder, die aus Familien mit Migrationshintergrund stammen, die unser Angebot ebenfalls annehmen. Circa 20 Prozent der Drei- bis 15-Jährigen leben in Schweinfurt in Kinderarmut. Das ist bayernweit 2017 ein Spitzenplatz gewesen.“ Um dieses Problem anzugehen, hatten er und seine Mitstreiter eine Idee: Spenden sammeln und Kindern so ein gesundes Frühstück, ein Lunchpaket ermöglichen.

          Mit Nichts im Bauch zum Unterricht

          Im Januar 2009 wurde das Projekt örtlichen Schulen vorgestellt. „In den Schulen wurde gefragt, ob es denn Kinder gebe, die nichts zu essen dabeihaben“, berichtet Labus. Zu großen Teilen teilten die Schulen mit, es gebe einen Bedarf. „Wir haben Kinder, die hungrig sind und keine Lust auf Unterricht haben, weil sie nichts im Bauch haben“, lauteten die Aussagen, die Labus erhielt.Am Anfang war es nur eine Schule – mit damals 35 Päckchen am Tag –, nach und nach kamen immer mehr Schulen dazu. „Manche Rektoren haben das zu Beginn ein wenig kritisch gesehen, wenn wir mit unserem Kindertafel-Bus in den Schulhof reinkamen. Da sieht man ja offenkundig, die Schulen werden von der Kindertafel versorgt. Das war immer so eine kleine Herausforderung“, räumt Labus ein. Aus einer Schule wurden fünf, aus fünf irgendwann zehn, zurzeit werden 14 Schulen und fünf Kindergärten im Schweinfurter Raum beliefert, alles in der Auslieferungsstunde zwischen 8 und 9 Uhr.

          „Derzeit sind es ungefähr 400 Lunchpakete am Tag für Schweinfurt und Schwebheim“, berichtet Rainer Zink, der Pressesprecher des Bundesverbandes Deutsche Kindertafel. Der ehemalige Berufssoldat ist als Oberstleutnant im Jahre 2006 in den Ruhestand versetzt worden. Die letzten sechs Jahre hatte er als Tutor in der Offiziersschule der Bundeswehr in Dresden verbracht. Er war auch im Auslandseinsatz, in Mazedonien zuständig für die Öffentlichkeitsarbeit der Truppe.

          Spätaussiedler mit großem Familienzusammenhalt

          Jede Schule entscheidet selber, wie viele Pakete sie benötigt. Das kann auch tagesaktuell verändert werden. Sobald ein Schuljahr startet, achten die Lehrer darauf, ob jeder etwas zum Frühstücken dabeihat. Wenn es Kinder gibt, die nichts haben, übernimmt es die Schule, die Eltern zu informieren. Falls sich herausstellt, dass es finanzielle Probleme gibt, wird ihnen das Projekt der Schweinfurter Kindertafel erläutert, an dem das Kind teilnehmen kann. „Es gibt dann schon Eltern, die sich angesprochen fühlen“, so Labus. Er selbst hat einen Hintergrund als Spätaussiedler. Der 65-Jährige kam im Alter von zwölf Jahren nach Deutschland und musste die deutsche Sprache erst mal lernen. Nach der Schule heiratete er schon mit 19 Jahren. „Seit über 46 Jahren sind wir glücklich verheiratet“, merkt er an. Zunächst erlernte Labus den Beruf des Drehers bei SKF Schweinfurt und machte danach seinen Meister. Nach 23 Jahren eröffnete er eine Fahrzeugverglasung, ein zweiter Betrieb, spezialisiert auf Wasserstrahlschneidetechnik, kam hinzu. „Es ist bei uns alles auf Familie aufgebaut.“

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