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Kickboxen : Vollkontakt als Königsdisziplin

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Beim Kampfsport hat Gewalt nichts verloren, davon sind Kickboxer überzeugt. Sie trainieren im Fightclub von Sven Kirsten, der selbst mit Erfolg gekämpft hat.

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          Die Blicke konzentriert, Schweißperlen stehen auf der Stirn. Eine 90-minütige Trainingsstunde im Fightclub von Sven Kirsten in Schonungen geht zu Ende. Die Bewegungen der 15 Kickboxer, deren Trainingskleidung durchnässt ist, werden träge. Mitten dabei Lorenz Rasev. Er ist von der Kickboxmöglichkeit begeistert, die der Fightclub, der auch Fitnesscenter ist, bietet. Der 23-Jährige, der in der Uniklinik Würzburg arbeitet, kämpft im Vollkontakt auf bayerischer und deutscher Ebene. Rasev boxt nebenbei auch klassisch und hat 2014 als Deutscher Studentenmeister die Goldmedaille im Schwergewicht gewonnen. „Es ist die perfekte Vereinigung von Körper und Geist“, findet der große, blonde Krankenpfleger. „Wer meint, beim Kampfsport werden Schläger gezüchtet, liegt falsch. Gewalt hat beim Training nichts verloren.“

          Adrenalin machte die Schmerzen erträglich

          Clubinhaber Sven Kirsten, 1968 in Dresden geboren, kam im Alter von 17 Jahren mit seiner Leidenschaft in Berührung. Nach seinen Anfängen in Ebern trainierte er vier Jahre lang in Haßfurt und betrieb parallel klassisches Boxen in Zeil am Main, unterrichtet von Uwe Schulz, der beim ETSV Bamberg auch Talente wie Boxweltmeister Arthur Abraham unter seinen Fittichen hatte. „Wenn man an der Spitze mitkämpfen will, muss man sich festlegen“, findet Kirsten, „entweder Boxen oder Kickboxen.“ Von Verletzungen blieb er fast verschont: „In meinem dritten WM-Kampf brach ich mir in der siebten Runde den Mittelhandknochen. Durch das angestaute Adrenalin waren die Schmerzen aber erträglich, so dass ich am Ende den Kampf klar gewonnen hatte.“ Anfang 2002, mitten im Halbfinale eines internationalen Kickboxturniers, passierte die zweite größere Verletzung: „Mir ist das hintere Kreuzband im rechten Knie gerissen. Das ging ganz schnell, hat dann einfach peng gemacht. Ich habe das aber nie operieren lassen. Da war natürlich erst mal eine Pause angesagt.“ Folgeschäden gab es keine, danach wurde er europäischer Amateurmeister und fünfmal Profiweltmeister im Weltergewicht. 2008 hat er diesen Titel erfolgreich verteidigt. Davor war Kirsten Vize-Europameister, Weltcup-Sieger und mehrfacher Internationaler Deutscher Meister und Deutscher Meister im Vollkontakt-Kickboxen.

          Europameister im Leichtkontakt

          In der Rundenpause eines Kampfes bei den Internationalen Deutschen Meisterschaften in Leipzig kam es zu einem komischen Missgeschick: „Mein damaliger Betreuer gab meinen Mundschutz einer Assistentin zum Abwaschen in die Hand. Diese ließ aber kein Wasser über ihn laufen, sondern spülte ihn in dem Spuckeimer aus, den zuvor schon andere Kämpfer benutzt hatten. Als ich das sah, bin ich fast vor Schock erstarrt. Aber wie man sieht, habe ich es überlebt.“

          Den letzten großen internationalen Amateur-Titel gewann der 67 Kilogramm schwere Athlet 2014: „Da wurde ich Europameister im Leichtkontakt-Kickboxen bei den Veteranen in Maribor in der Gewichtsklasse bis 74 Kilogramm.“ Ihm fiel es nicht schwer, sein Gewicht zu halten: „Der Verzicht auf Wurst und Fleisch hat mir dabei anscheinend ganz gut geholfen. Ich habe aber nicht auf tierisches Eiweiß verzichtet. Fisch, Eier und Käse standen regelmäßig auf dem Speiseplan.“

          Nach jedem Treffer wird gestoppt

          Die drei großen Wettkampfformen beim Kickboxen sind Leichtkontakt, Vollkontakt und Semikontakt, auch Pointfighting genannt. Eine Schutzausrüstung ist in allen Kampfdisziplinen Pflicht. Gewertet wird bei allen Disziplinen im Kickboxen nach Punkten, allerdings kann man beim Vollkontakt auch durch K.o. gewinnen. Beim Pointfighting wird nach jedem Treffer gestoppt. Nach abgelaufener Kampfzeit gewinnt der Kämpfer mit den meisten Treffern. Beim Leichtkontakt-Kickboxen und Vollkontakt-Kickboxen wird dagegen durchgekämpft. Am Ende der drei Runden werden die Wertungen der drei Kampfrichter bekanntgegeben. Vollkontakt ist in gewisser Weise die Königsdisziplin, wie Sven Kirsten meint: Im Ring, nicht auf Matten treffen die Kontrahenten dabei aufeinander. „Unser Boxring hat die Maße 5,80 mal 5,80 Meter. Das ist das Mindestmaß, das ein Boxring haben sollte. Die olympische AIBA-Norm ist etwas größer, das war aber aus baulichen Gründen nicht anders möglich.“

          Seine Frau hat er beim Sport kennengelernt

          Nach all den Jahren an der Spitze der deutschen Kickboxelite hat sich der damals 39-Jährige entschieden, ein Trainingsstudio zu eröffnen und dabei Kampfsport und Fitnesstraining zu kombinieren. Der ständige Ortswechsel, der Wechsel zwischen Muskel- und Boxtraining, die unnötigen Kosten, die vergeudete Zeit zwischen den Trainingseinheiten, das hatte ihn immer schon gestört. „Seien wir doch mal ehrlich: Als aktiver Kickboxer kann man nicht von seinen Kampfgagen leben.“ Kirsten hat den anerkannten Fachübungsleiterschein im Kickboxen und den Boxtrainerschein gemacht.

          Es gibt vier Altersklassen (Jugendliche, Junioren, Damen/Herren und Senioren) und Gewichtsklassen wie beim Boxen. Frauen sind beim Kickboxen recht stark vertreten. Auch Kirstens Frau Judith ist aktiv. „Ja, ich habe meine Frau beim Sport kennengelernt. Und das bereits vor zehn Jahren. Wir hatten uns dann einige Zeit aus den Augen verloren. Bei einem Turnier sahen wir uns wieder, und dann nahm das Schicksal seinen Lauf. Heute sind wir glücklich verheiratet und seit Dezember stolze Eltern einer Tochter.“ Seine Frau hat sich auf Musikformen spezialisiert. „Bei dieser Disziplin muss gegen einen imaginären Gegner gekämpft werden. Artistik, zum Beispiel Flic-Flacs, Taktgefühl, Mimik werden dabei von Wertungsrichtern bepunktet.“ Es gibt drei Kindergruppen. „In der Regel beginnen die Kinder mit sechs bis sieben Jahren mit dem Kampfsporttraining. Dabei liegt das Hauptaugenmerk nicht auf dem Haudrauf, sondern es werden vor allem koordinative und motorische Fähigkeiten gefördert.“

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