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Karriere im Rollstuhl : Glücklichsein als Entscheidung

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Bild: Studio Zubunt

Von einem Unfall lässt sich Bento de Mendonça Amaral nicht entmutigen. Trotz seiner Querschnittlähmung wird er ein ausgezeichneter Sportler und Önologe in Porto

          4 Min.

          Praia do Aterro in Porto, der nördlichen Großstadt Portugals, August 1994. Es riecht nach Salz. Die Sonne scheint. Das Meer ist ruhig. Der 25-jährige Bento Maria Oliveira Costa de Mendonça Amaral streckt seine Brust raus und hält seine Arme hinter den Rücken, um eine größere Geschwindigkeit zu erreichen. Die Welle kommt. Der Schwimmer wird von ihr mitgerissen. Diesen Trick, die sogenannte carreirinha, bei der man durch den Wellenschlag horizontal im Wasser gleitet, hat er schon tausendmal zuvor probiert, aber diesmal geht es schief. Die Welle zieht ihn nach unten, sein Kopf stößt gegen den Boden, sein Zahn bricht. „Verdammt! Jetzt muss ich zum Zahnarzt“, denkt Bento. Schnell merkt er aber, dass er seinen Körper nicht mehr bewegen kann. Er schwebt mit dem Bauch nach unten, atmen kann er jetzt auch nicht. Der Tod geht ihm durch den Kopf.

          Der 49 Jahre alte Önologe und Weltmeister im Segeln für Menschen mit Behinderungen erinnert sich an den Tag seines Unfalls. „Ich war ganz verwirrt. Es war mir noch nicht aufgefallen, dass ich den fünften Wirbel gebrochen hatte. Mein Bruder, mein Freund und ein Rettungsschwimmer kamen sofort, und ich wurde ins Krankenhaus Hospital de Santo António gebracht. Mein Leben fing dort von vorne an.“ Die ersten Tage schätzt er als die härtesten ein, weil er sich damit nicht abfinden wollte, dass er sich nicht mehr bewegen konnte. Der erste große Sieg war in der dritten Woche nach dem Unfall, als er bereits aufsitzen konnte, jedoch nur zwanzig Minuten lang. „Danach musste ich alles wieder in kleinen Schritten lernen: wie man das Besteck in der Hand hält oder wie man die Seiten eines Buches umdreht. Ich brauchte länger, um umzublättern, als um zu studieren.“ Mit seiner Hand veranschaulicht er, was für Schwierigkeiten er noch heutzutage hat, um eine Faust zu machen oder seine ein wenig gekrümmten Finger zu strecken. Sieben Monate lang bleibt er im Krankenhaus und geht an den Wochenenden nach Hause, damit sich seine Familie an seine neuen Bedürfnisse anpassen kann.

          Zwei Jahre lang hat er jeden Morgen trainiert

          Nach einer Weile wollte Bento sein Leben wie früher genießen und seine Hobbys wiederaufnehmen, einschließlich dem Segeln im Jahr 2001. „Es gab mir ein erneutes Gefühl von Selbständigkeit und Freiheit.“ Neben der geringeren körperlichen Anstrengung unterscheidet sich das für Querschnittgelähmte angepasste Segeln von dem üblichen, weil sich das Boot nicht drehen kann und entweder durch einen Joystick oder durch Hebel gelenkt wird. In kurzer Zeit wird ihm dieser Sport immer wichtiger. „Zwei Jahre lang bin ich jedes Wochenende um sieben Uhr morgens aufgestanden, um zu trainieren. Das Beste an den Regatten ist nicht der Preis, sondern die Atmosphäre und die Gelegenheiten, die sie mit sich bringen. Durch diese Wettkämpfe habe ich unzählige Länder kennengelernt.“ Professor Amaral stellt sich als talentierter Segler heraus, gewinnt 2005 die Weltmeisterschaft und vertritt Portugal bei den Paralympischen Spielen 2008 in Peking, wo er den neunten Platz erreicht. Sein Leben wird aber auch vom berühmten portugiesischen Wein geprägt. Nachdem er in der zwölften Klasse durchfällt, beginnt er ein Studium in Lebensmitteltechnik an der Universidade Católica Portuguesa mit dem sogenannten „nullten Jahr“, dem Ersatz für die zwölfte Klasse. „Ich hatte schon immer ein Interesse an der Welt der Aromen und des Geschmacks seitdem ich den Roman ,Das Parfum‘ von Patrick Süskind gelesen hatte. Und nach meinem Erasmus-Jahr in Bordeaux wusste ich ohne Zweifel, dass ich im Weinbau arbeiten wollte. Ich träumte davon, die Welt zu erkunden und überall Wein anzubauen. Als Erstes wollte ich nach Australien.“

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