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Kamermann Tino Zurbrügg : Rotlicht-Nervosität macht seinen Beruf reizvoll

  • -Aktualisiert am

Bild: Philip Waechter

Er erlebt Pistenstress auf der Olympiade, eine zweite Realität durch polierte Böden und sieht sich als „das Auge der Zuschauer“. Ein Schweizer Kameramann über seine Arbeit.

          3 Min.

          Das rote Lämpchen an der Kamera geht an. Ein Schwenk schwungvoll über das klatschende Publikum auf die Bühne. Mit einer dynamischen Bewegung hebt Tino Zurbrügg die Kamera etwas an, zoomt auf den Gitarre spielenden Protagonisten, stellt scharf. Fokus auf die zupfenden Hände über dem Schallloch der Gitarre, die Kamera nach oben geknickt, ein Bild vom Lächeln im Gesicht des Musikers eingefangen. Wieder ein Zoom nach außen, bis die Bühne als Gesamtbild zu sehen ist. Das rote Lämpchen geht aus. In der kurzen Verschnaufpause wirft Zurbrügg einen flüchtigen Blick in das Drehbuch, prüft, ob er sich die Perspektive für die nächste Szene richtig gemerkt hat. Mit seinen zwei Kollegen steht er in der Dunkelheit. Alle Wände um sie herum enden mit in Scheinwerferlicht getauchten Bühnen, Kulissen oder Tribünen. Nur er und die andern Kameramänner stehen abseits von allem Geschehen mittendrin in der dunklen Halle. Ein Wirrwarr von Kabeln führt von ihnen weg und mündet in ein von aufgeregten Leuten summendes Studio.

          Abschalten, schütteln, es blieb schwarz

          Wenn das rote LED-Lämpchen auf der Pumpkamera aufleuchtet, wird das Gefilmte live gezeigt. Eine Pumpkamera ist eine Kamera, die auf das Filmen in Studios spezialisiert ist. Sie hat eine schwere Basis, die ruhig und leise über den Boden rollt. Sie ist stabil und einfach zu bedienen, kann aber außerhalb eines Studios mit glattem Boden nicht gebraucht werden. Beim Filmen einer Show im Fernsehstudio ist der Ablauf vom Regisseur klar geplant. „Interessant sind Aufnahmen im Freien, wenn ich nur mit einer Handkamera auf der Schulter unterwegs bin“, sagt Zurbrügg. 2010 bei der Winter-Olympiade im kanadischen Vancouver sollte er die vierte Passage des Kombinationsslaloms der Männer live für die Zuschauer auf allen Fernsehern der Welt aufnehmen. „Der erste Lauf war schon durch, in wenigen Minuten würde der entscheidende zweite Lauf starten, und dann, von einem Moment auf den anderen, sendete meine Handkamera nur noch ein schwarzes Bild. Ich habe versucht, die Kamera zu schütteln, sie ein- und auszuschalten, das war das Beste, was mir einfiel, doch alles umsonst, das Bild änderte sich nicht. Ein Techniker fuhr auf Skiern zu mir, aber auch er konnte nichts ändern; Ersatzgeräte gab es keine. Andere Kameramänner versuchten erfolglos, von ihren Positionen meine Stelle in ihr Bild zu bringen. Nicht einmal die Helikopterkamera konnte zu der Stelle hinabfliegen, weil die sich umdrehenden Rotoren die Skisportler bei der Abfahrt stören würden. Einige der stressvollsten Minuten meines Lebens vergingen, während die Abfahrt immer näher rückte. Ein Millionenpublikum würde enttäuscht werden. Wir begannen uns damit abzufinden, dass während einiger spannender Sekunden ein Teil des Rennens nicht im Bild sein würde, als meine Kamera plötzlich wieder ein scharfes Bild sendete. Meine extreme Anspannung fiel wie schweres Kamera-Equipment nach einem zu langen Dreh von mir, und eine Mischung aus Erleichterung und Freude machte sich in mir breit. Los geht’s!“ Mit noch immer zu spürender Erleichterung in der Stimme beschreibt Tino Zurbrügg das schon elf Jahre zurückliegende Ereignis.

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