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Zweisprachig aufwachsen : Lustig klingende Wörter

  • -Aktualisiert am

Bild: Jörg Mühle, Labor Frankfurt

Sie lernen zunächst verzögerter, sind dann aber fit in zwei Systemen. Kinder, die zweisprachig aufwachsen. Manchmal gibt es dann deutsche Antworten auf französische Fragen.

          Die vierjährigen Zwillinge Samantha und Natalie sitzen, in ihrer eigenen Spielwelt versunken, auf dem Fußboden einer gemütlichen Wohnung mitten in Berlin. „Ich putte das ins dollhouse“, plappert Samantha fröhlich vor sich hin und streckt ihrer Schwester eine Puppe entgegen. Jana Tokaryk schmunzelt in sich hinein. Für die junge Mutter gehören solche Mischsätze, bunt zusammengewürfelt aus verschiedenen Sprachen, zum Alltag. Ihre Kinder wachsen mehrsprachig auf: Deutsch lernen sie durch die Mutter, Englisch durch den kanadischen Vater und Französisch durch den Patenonkel, Freunde und die frankophonen kanadischen Verwandten. „Zwar findet in diesem Alter schon eine unbewusste Zuordnung der Wörter zu den einzelnen Sprachen statt, da die Kinder wissen, wie die jeweiligen Sprachen klingen, jedoch werden die Sprachen vor allem in der frühen Kindheit noch wild durcheinandergewürfelt“, sagt die Gymnasiallehrerin für Französisch und Englisch. Dabei sei es üblich, dass sie die Struktur der Muttersprache – in diesem Fall die Sprache der Person, zu der sie eine engere Bindung haben – verwenden und einfachere Wortarten aus der anderen Sprache in diesen Komplex einfügen.

          Französischlehrerin in Dresden

          Oft erfinden meine Kinder aber einfach lustig klingende neue Wörter, indem sie ein deutsches und ein französisches Wort zusammensetzen“, sagt Maryline Chagnard. Die große, schlanke Französin arbeitet an einer Dresdner Schule als Französischlehrerin. Ihre beiden Kinder lernen von klein auf die deutsche und die französische Sprache. „Als Mutter ist es einem wichtig, die eigene Sprache und auch die damit verbundene Kultur an die eigenen Kinder weiterzugeben.“ Dies sei ein wichtiger Entscheidungsgrund gewesen, ihre Kinder bilingual zu erziehen. Zudem verspricht sie sich für ihre Sprösslinge von einer doppelten muttersprachlichen Erziehung Vorteile in deren Zukunft. Dies ist ein Beweggrund für viele Eltern, da sie in der Kenntnis mehrerer Fremdsprachen eine Basis für eine gute Karriere sehen.

          Für Jana Tokaryk war die Förderung der Toleranz ihrer Kinder gegenüber anderen Kulturen ein wichtiges Argument für die mehrsprachige Erziehung. Zudem erhöhe es die Flexibilität im Alltag, da sie durch das Aufwachsen mit mehreren Sprachen öfter Problemlösungsstrategien erproben. Auch die 44-jährige Caroline Loose ist froh, dass sie zweisprachig aufgewachsen ist. „Da ich Französisch und Deutsch bereits beherrschte, ist mir das Erlernen einer weiteren Fremdsprache sehr leicht gefallen, so dass ich mittlerweile auch fließend Englisch spreche.“ Heute lebt sie zusammen mit ihrem Lebensgefährten und ihren beiden Hunden in der kleinen Stadt Marly-Le-Roi, die etwa eine Viertelstunde von Paris entfernt ist.

          Keine Furcht vor Sprachverwirrung

          Nicola Küpelikilinc, Psychologin und Fachreferentin für Sprachförderung der Stadt Hanau, erklärt: „Multilingual erzogene Kinder lernen andere Fremdsprachen später leichter, da sie schon früh ein Gefühl für die Systematik hinter einer Sprache entwickeln.“ Zwar sind, wie Jana Tokaryk bestätigt, zweisprachig erzogene Kinder sprachverzögert, da sie zwei Sprachsysteme auf einmal erlernen müssen. Doch eine Sprachverwirrung oder eine Verzögerung in der Entwicklung des Kindes sei nicht zu befürchten, meint die Expertin Küpelikilinc. Wenn man nun versucht, eine Sprache zu vermitteln, ist es nicht sinnvoll, dem Kind einen Gegenstand zu zeigen und zu sagen: „Das heißt auf Englisch ...“ Vielmehr funktioniert die Sprachweitergabe dadurch, dass man diese wie selbstverständlich in den Alltag einbaut.

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