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Zirkusleben : Der stete Wechsel ist Programm

  • -Aktualisiert am

Der 12jährige Jonny bereitet sich mit seiner Trompete auf seinen Auftritt im Zirkus Busch vor Bild: Jens Gyarmaty

Unruhig und bescheiden leben die Lauenburger. Die Familie zieht als kleiner Zirkus übers Land.

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          Ein Mann spuckt Feuer. Begeisterte Gesichter, klatschende Hände. Der Circus Julius Lauenburger ist ein Familienbetrieb. Einen richtigen Heimatort hat der Zirkus nicht, in den ersten Jahren hat er oft in Norddeutschland gastiert. Der Zirkus besteht aus einer neunköpfigen Familie, dem Zirkusdirektor André Lauenburger, seiner Frau Nadine, deren fünf gemeinsamen Kindern, seiner Mutter und seiner Schwester. Die Show wird jedoch nur von den Eltern und den vier größeren Kindern gestaltet, das fünfte Kind ist noch zu klein. „Sobald es laufen kann, wird es mit eingebaut“, sagt Lauenburger stolz. Seit acht Generationen wird schon durch Deutschland getourt. André Lauenburger ist ein schlanker Mann mittleren Alters mit braunen kurzen Haaren. „Ich habe den Zirkus 2003 übernommen, als mein Vater an Krebs gestorben ist.“

          Das Zirkusleben ist hart, doch sie kennen nichts anderes. „Die Frage, ob man dieses Leben möchte, stellt sich bei uns gar nicht, denn das Schicksal hat es so entschieden.“ Seine Familie lebt nur von dem Geld, das sie sich im Sommer verdient. Da die Saison von März bis November geht, vorausgesetzt das Wetter spielt mit, ist das Geld knapp. „Im Sommer fressen wir uns deshalb Reserven an, wie ein Igel“, sagt er und lacht.

          Nur ab und an ein Kinobesuch

          Urlaub ist nicht drin. Ab und zu gehen sie mit den Kindern in ein Kino. „Es gibt schöne, aber auch schwere Zeiten; der Applaus nach einer Vorstellung lässt jedoch alle Sorgen vergessen.“ Zwar müssen die Kinder auf vieles verzichten, zum Beispiel auf ein eigenes Zimmer, aber sie sagen, dass sie den Familienzusammenhalt genießen.

          Arbeit gibt es viel. Die Familie muss eine Spielgenehmigung holen, den Zirkus aufbauen, Werbung machen, die Tiere trainieren und versorgen. Montag ist Reisetag und Pendelverkehr angesagt. „Bis alles an rechter Stelle ist, fahre ich sechsmal und meine Frau fünfmal“, sagt der Chef. Am Dienstag und Mittwoch sind die Vorstellungen. Donnerstag ist wieder Platzwechsel. Freitag, Samstag und Sonntag sind dann wieder Shows. Jeden Morgen werden die Tiere gefüttert und die Ställe gereinigt. Kunststücke werden geübt, Werbung für den nächsten Ort wird verteilt. „Ich liebe diese Tagesabläufe und den Ruhm, man hat immer Spaß, kann Neues erkunden und es ist sehr aufregend“, sagt Sohn Manoel. In der Regel gibt es fünf Vorstellungen in der Woche. „An einem Ort bleiben wir zwischen drei und sieben Tage“, sagt er.

          Langzeitfreundschaften gibt es nicht

          Auf dem Programm stehen Ziegen, die durch brennende Reifen springen, und Hunde, die auf Balken balancieren. Chiara und ihre Schwester Charlize führen Schlangenakrobatik und Bodenturnen vor. Marius und Manoel bewähren sich als Clowns und Jongleure. „Dass man vor einer Show Lampenfieber hat, gibt es bei uns nicht mehr“, sagt der Vater stolz. Man habe oft mit Vorurteilen zu kämpfen, deshalb sei es wichtig, dass man sich vernünftig verhalte und dem jeweiligen Ort anpasse. „Der erste Eindruck ist immer der wichtigste“, sagt Lauenburger.

          Im Winter bleiben sie in Wonfurt, einem Ort in der Nähe von Haßfurt. Auch dann leben sie in ihren Wohnwagen. In dieser Zeit bringen sie ihre Ausrüstung wie Zelt, Lkw und Wohnwagen auf Vordermann und studieren neue Nummern ein. Die Hunde, Pferde, Ziegen und Lamas, insgesamt rund 20 Tiere, leben in Boxen in einer Stallung.

          Selbstverständlich ist, dass die Kinder in die Schule gehen müssen. Es gibt zwar extra Zirkusschulen, aber die Familie hält es nicht für sinnvoll, diese zu besuchen. Ihre Kinder nutzen die Bildungseinrichtung, die ihrem Standort am nächsten ist. „Wir wollen, dass sie auf normale Schulen gehen, schon alleine wegen der sozialen Kontakte, die sehr wichtig sind, und zudem ist es auch eine Werbung“, erklärt Lauenburger. Das Problem ist, sie sind immer wieder fremd und müssen sich neue Freunde suchen. Langzeitfreundschaften gibt es nicht.

          Artisten können sie sich nicht leisten

          Dass es, wie bei einem Großzirkus, ständig ein anderes Programm gibt, ist nicht möglich. Sie beherrschen Kunststücke für ein Zwei-Stunden-Programm, doch nie führen sie alles vor und variieren. Artisten können sie sich nicht leisten. Eine neue Tiernummer einzustudieren, das bedeutet ein bis zwei Jahre Arbeit. Doch zwei neue Nummern kommen immer dazu. Ihr traditioneller Zirkus zieht die Kinder und ihre Eltern nicht mehr so stark an wie früher.

          „Man kann nicht mehr lange damit überleben, daher wollen wir versuchen, unseren Zirkus in einen sogenannten Projektzirkus umzuwandeln“, erklärt der Chef. Dies bedeutet, sie wollen mit Kindern arbeiten. Sie bieten den Schulen sogenannte „Circusprojekte“ an, bei denen sie ihren Zirkus direkt neben die Schule stellen, mit den Kindern trainieren und gemeinsam eine Show machen. Sie planen auch, ein Ferienprogramm zu organisieren. Denn aufgeben möchten sie ihren Familienzirkus auf keinen Fall.

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