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„Wall of Death“ : Todesangst auf dem Rockkonzert

  • -Aktualisiert am

Bild: Jörg Mühle, Labor Frankfurt

Sie nennen es die „Wall of Death“: Zwei Menschengruppen rennen aufeinander zu, prallen gegeneinander. Wie gefährlich das sein kann, musste Rebecca erfahren: Ihr Schienbein wurde dabei gebrochen, jetzt hat sie Narben und Angst vor Rockkonzerten.

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          „Als ich unter diesen vielen Menschen lag, hatte ich Todesangst", gesteht die musikbegeisterte Schülerin aus einem kleinen Ort in der Nähe von Butzbach in Hessen. Rebecca wurde noch vor Beginn des Auftritts ihrer Lieblingsband "Die Ärzte" während eines Rockkonzerts in der Menschenmenge auf den Boden gerissen: "Plötzlich entstand eine ,Wall of Death', und meine Freundin und ich standen in der Mitte: Als die Menschenmassen aufeinanderprallten, musste ich das ganze Gewicht halten, aber ich war dafür zu schwach." Das 1,69 Meter große Mädchen wirkt nachdenklich, während sie dieses Erlebnis schildert.

          Zu diesem Konzert in der Frankfurter Festhalle kamen rund 20.000 Besucher. Dort fand ein beliebtes Ritual statt: die "Wall of Death". Zwei Menschengruppen stehen einander gegenüber und rennen auf ein bestimmtes Signal aufeinander los. Rebecca wurde bei diesem Aufprall der lebenden "Menschenmauern" auf den Boden gerissen, immer mehr Besucher fielen auf sie, ihr Bein wurde verletzt. Nur der unerschrockenen Reaktion einer Konzertbesucherin verdankt Rebecca, dass sie nicht lange unter den anderen begraben war. Die Frau half Rebeccas Freundin sofort, sie aus der Masse zu ziehen. Es brach zum Glück keine Panik aus. Die beiden konnten Rebecca, die starke Schmerzen hatte, zum Sicherheitspersonal bringen. Im Sanitätsbereich wurde sie versorgt und mit dem Krankenwagen ins nächste Krankenhaus gefahren.

          Der Unfall ist kein Einzelfall

          Die Diagnose dort: spiralförmiger Bruch des linken Schienbeins. Für die Schülerin hatte dies zwei schmerzhafte Operationen zur Folge, bei der ein Nagel durch den Knochen geschoben wurde. Zwei Wochen verbrachte sie im Krankenhaus. "Ich habe heute noch Schmerzen beim Laufen und besonders, wenn ich mich hinknie, weil die Narbe am Knie noch nicht richtig verheilt ist." Die Gymnasiastin zeigt auf ihre Narben an Knie und Knöchel.

          Ihr Unfall ist kein Einzelfall. Bei einem Konzert einer Siegerin der tunesischen Variante von "Deutschland sucht den Superstar" wurden sieben Menschen zu Tode gequetscht, weil die Masse nach vorne drängte. Auch auf deutschen Festivals kamen in den vergangenen Jahren zwei Menschen ums Leben. Die sogenannte "Wall of Death" ist vor allem in der Metalszene zu einer Art Volkssport geworden. In Internetforen von verschiedenen Metalfestivals äußern sich Fans dazu, die den Spaß auf Konzerten vor allem darin sehen, mitten in der "Wall" dabei zu sein. Das klingt dann so: "Eure Show war einfach so geil, Wall of Death. Boah, ich hab nicht gedacht, dass wir das auf die Beine bekommen, aber dann war's einfach zu geil."

          Die Platzangst ist seitdem groß

          Nicht immer gibt es dabei Verletzte, aber die meisten Fans gehen nach dem Konzert und nach einer "Wall" mit blauen Flecken nach Hause. Einen wirklichen Grund, warum sich Fans dort gegenseitig umrennen, kann keiner benennen, es gehört heute offensichtlich dazu. Auf die Frage, wie man solche Vorfälle auf Konzerten verhindern könne, weiß auch Rebecca keine Antwort. "Ich war so unendlich erleichtert, dass ich sofort Helfer beim Aufstehen hatte." Rebecca hat die Ereignisse gut verkraftet und ist optimistisch, obwohl sie weiß, dass ihr bald die nächste Operation bevorsteht. "Der Nagel muss wieder aus dem Knochen raus, deswegen muss ich noch mal unters Messer."

          Dieses Konzert war nicht ihr erstes, aber auf keinem anderen hat sie so aggressive Fans erlebt. Ob es ihr letztes Konzert war? "Im Moment kann ich mir nicht vorstellen, wieder auf ein Konzert zu gehen und in der Masse zu stehen, meine Platzangst ist seitdem einfach zu groß."

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