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Türkischer Modetanz : Schwirren wie die Fliegen

  • -Aktualisiert am

Modetanz junger Türken: Kolbasti Bild: picture-alliance/ dpa

Der türkische Kolbasti ist einer der verrücktesten Tänze überhaupt, die Bewegungen werden temperamentvoll improvisiert. Erst auf den zweiten Blick zeigt sich seine Raffinesse.

          Wie in Ekstase wirbeln die Tänzer der Gruppe „Kolbasti Freaks“ herum. Die Arme weit von sich gestreckt, führen sie heftige schnelle Bewegungen mit Armen und Beinen aus, während der Oberkörper etwas ruhiger bleibt. Die Mitglieder sind zwischen 17 und 22 Jahre alt und tragen einheitlich T-Shirts und Hosen mit ihrem Namen „Kolbasti Freaks“. Diese Gruppe hat in Mülheim an der Ruhr bei Dortmund ihren Sitz, wo sie bei vielen Veranstaltungen ihre Künste zeigt.

          Beim ersten Anblick sieht der Tanz aus, als würde man einfach nur wie eine Fliege herumschwirren, danach merkt man doch, dass da etwas dahintersteckt. Damals hätte keiner gedacht, dass der Tanz auch nach mehr als 50 Jahren ein Trend sein wird. Seit 1943 hat sich der Modetanz „Kolbasti“ sehr verändert, meinen die meisten Älteren, die die langsame Art des Tanzes gewohnt sind. Die Jugend heute würde ein Tanz mit einem derart langsamen Rhythmus aber sicher nicht interessieren – also wurde er weiterentwickelt.

          Er leitet die Kolbasti-Freaks

          Heute zählt Kolbasti für viele zu den verrücktesten Tänzen überhaupt. Der Tanz ist frei für Ausdrucksformen – jeder tanzt so, wie er will, und erfindet somit neue Motive. „Unter welchen Umständen er entstanden ist“, sagt Irfan Terzi, der Leiter der „Kolbasti Freaks“, „das ist eine lustige Geschichte. Kolbasti ist im nordöstlichen Gebiet der Türkei am Schwarzen Meer in der Stadt Trabzon entstanden. Die meisten Figuren des Tanzes lehnen sich an die Bewegungen der Fischer an.“ Die einen sagen, dass Menschen es in Höhlen, weit weg von den Menschen, getanzt haben, weil es zu laut war, und dabei trotzdem von Soldaten, die „Kol-kuvvetleri“ hießen, erwischt wurden. Dabei muss man auch wissen, dass „basmak“ so viel wie „erwischen“ bedeutet. Dieser Geschichte glauben jedoch nur die wenigsten. Alle Fischer feierten am Abend den erfolgreichen Fang am Meer und tanzten dabei, wodurch Figuren wie das Netzziehen oder -werfen, Schwimmen oder Fischefangen entstanden. Damals nannte man den Tanz auch nur „Faroz“, weil er in dem Stadtteil der Stadt Trabzon entstanden ist.

          Sinan Yilmaz kennt dort jedes Kind

          Nach Osman Gökce, der 1943 zum ersten Mal die Musik zum Tanz gespielt hat, versuchten viele andere, Erfolg zu erzielen, doch keiner war dabei so erfolgreich wie Sinan Yilmaz, der im Jahre 2004 mit seiner schnelleren Version die Charts eroberte und den heute in der Türkei sogar jedes Kind kennt. „Seit einigen Jahren wird der Kolbasti überall getanzt, auf Heimatfesten, auf Hochzeiten und sogar in Discos. Aber Ältere haben es mittlerweile bleibenlassen, denn das Tempo ist für sie zu schnell. Europäische, vor allem aber in Deutschland lebende Jugendliche haben ganz neue Motive der verrücktesten Art erfunden“, berichtet Irfan Terzi. Er ist 20 Jahre alt, wohnt in Mülheim an der Ruhr und ist von Beruf Sicherheitsbeamter in einem Einkaufsgeschäft in seinem Wohnort. Mindestens einmal in der Woche treffen sich die insgesamt sechs Mitglieder für ein Training, und das seit mehr als zwei Jahren.

          „Kolbasti ist nicht nur ein Tanz, es bereitet Spaß und stärkt das Zugehörigkeitsgefühl zur Heimat, die man im Inneren trägt. Meiner Meinung nach steigt deshalb auch das Interesse an dem Tanz. Die Menschen wollen eine Verbindung mit der Heimat haben, weil sie im Ausland leben.“ Mit schnellen Schritten kommt Tim Hofmaier in die Halle, die dem Vater eines der Mitglieder der „Kolbasti Freaks“ gehört und für Veranstaltungen wie Hochzeiten vermietet wird. Der 18-jährige Schüler aus Mülheim ist einer der wenigen deutschstämmigen Mitglieder der Tanzgruppe. Bei Vorführungen, die die Gruppe öfters auf Hochzeiten, bei Heimatfesten oder in Discotheken hat, macht er bisher noch nicht mit. „So professionell bin ich noch lange nicht“, sagt er bedauernd, aber dass dies sich bald ändern wird, sieht man ihm schon an der Begeisterung in seinen Augen an, wenn er über sein Hobby spricht.

          Sie mögen die rasante Ausdrucksform

          Auch Tim weiß, dass es beim Tanzen wichtig ist, die Arme nach hinten gestreckt zu haben. Die schnellen Motive, wozu höchste Konzentration erforderlich ist, schafft aber nicht jeder. „Für einen Anfänger bin ich eigentlich schon recht gut“, meint der Einsteiger mit großen Hoffnungen für die Zukunft. Auch unter Deutschen werde der Tanz immer beliebter. Das könne man auf vielen Veranstaltungen, wie zum Beispiel Kolbasti-Nights in Discotheken, sehen. „Sowohl Jungs als auch Mädchen mögen die rasante Ausdrucksform. Oder sie versuchen es zumindest“, fügt er lächelnd hinzu. Da der Tanz aber generell offen für Neues sei, seien auch bisher unbekannte Bewegungen von Neulingen nicht ganz fehl am Platze.

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