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Türkischer Campus : Nach der Vorlesung in den Schönheitssalon

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Was genau die zukünftigen Yeditepe-Studenten erwartet, erschließt sich erst bei einem Besuch des Geländes: Mehr als 125 000 Quadratmeter erstreckt sich der von dichten Pinienwäldern umrandete Campus. Die quaderförmigen, aus orange-senffarbenem ostanatolischen Sandstein erbauten Gebäude wirken aus der Luft wie gewaltige Bauklötze, die die Architekten wahllos auf dem grünen Untergrund verteilt haben. Spitz zulaufende, reich verzierte Eingangsportale bilden einen Kontrast zu den klaren geometrischen Formen der Gebäudekomplexe.

Im Zentrum des Areals, gleich gegenüber dem Hauptgebäude, liegt das „Sosyal Tesisleri“, Freizeitzentrum und Lebensmittelpunkt der Studenten. Im Inneren wird der Besucher von Essensduft und lautem Stimmengewirr empfangen. Neben einem gehobenen Restaurant, zwei Mensen und einem Pizzashop mit Dachterrasse beherbergt das Gebäude einen Einkaufsbereich mit Boutiquen, Friseur, Kosmetiker, Schreibwarenladen und Post. Auf der Beliebtheitsskala der Studenten folgt nach dem Schönheitssalon gleich der Sport- und Wellnessbereich im Untergeschoss des Gebäudes. Dort stehen den erholungsbedürftigen Studenten Innen- und Außenpool, Sauna, Fitnesscenter und Sporthallen zur Verfügung. In der „Olympiahalle“ geben orientalisch geformte Panorama-Fenster, die direkt an das große Schwimmbecken grenzen, den Blick auf weitläufige Pinienwälder frei. Den gegenüberliegenden Rand des Olympiabeckens säumen Tribünen. „Bei Wettkämpfen genießen die meisten Zuschauer nur den traumhaften Ausblick und vergessen darüber ganz den Schwimmwettkampf“, sagt Özge lächelnd. Im Sommer, wenn die Hitze auf den Straßen Istanbuls unerträglich wird, treffen sich Studenten und die Lehrenden, die keinen eigenen Pool besitzen, mit ihren Familien am Außenpool Yeditepes.

Für viele ist Geld kein Thema

Doch nicht alle Studenten nutzen diese Freizeitangebote mit Begeisterung: „Im Vergleich zu anderen Unis ist es hier schon teuer, mal kurz etwas in der Mensa zu essen, da kann ich mir kein Abonnement für den Fitnessbereich leisten. Für viele hier ist Geld aber kein Thema. Die sind Dauergast beim Friseur und gehen jeden Tag shoppen“, sagt Erdem Ünal, Stipendiat im dritten Semester. Der sympathische 21-Jährige hat im Rahmen seines Philosophiestudiums 2008 zwei Auslandssemester an der Universität Köln verbracht. Direkte Vergleiche zwischen der staatlichen deutschen Uni und seiner türkischen Privatuni möchte er nicht ziehen. Unleugbar scheint jedoch der gravierende Unterschied in der technischen und räumlichen Ausstattung. Erdem ist bewusst, dass Yeditepe auf das Geld der reicheren Studenten angewiesen ist, um einen hohen materiellen Standard gewährleisten zu können: „30 Prozent aller Studenten sind Stipendiaten. Da braucht die Universität einen finanziellen Ausgleich. Um überleben zu können, nimmt sie die übrigen Studenten aus.“

Professor Dogan Özlem sieht die zunehmende Wandlung der Universität zum Wirtschaftsunternehmen, die sich in einigen Bereichen vollzieht, kritisch: „Studenten werden zu Klienten, die es zufriedenzustellen gilt. Das kann in mancher Hinsicht, zum Beispiel in ihrer Einstellung gegenüber Lehrenden, zum Problem werden.“ Als größere Schwierigkeit betrachten jedoch viele die Ungleichheit der Studenten, die durch die zum Teil kommerzielle Ausrichtung Yeditepes noch verstärkt wird. Die 20-jährige Derya Sakin kennt die Differenzen zwischen Stipendiaten und zahlenden Studenten. „Was die Freizeit betrifft, gibt es schon große Unterschiede. In ein Restaurant auf dem Campus gehen nur ganz bestimmte Studenten, die Stipendiaten treffen sich zum Essen fast alle in der Mensa. Manche Studenten, die nie zum Kosmetiker gehen und keine Designer-Kleidung tragen, werden gedemütigt. Besonders die Mädchen legen viel Wert auf das Äußere.“

In ihrem Lernverhalten unterscheiden sich Stipendiaten und Nichtstipendiaten allerdings nur geringfügig. „Natürlich gibt es immer mal wieder welche, die acht Jahre lang studieren und nicht fertig werden, weil sie wissen, dass ihre Eltern ohnehin bezahlen und der Job im Familienunternehmen warten kann. Die genießen lieber das Essen in den Restaurants und liegen stundenlang am Pool“, sagt Erdem Ünal. Doch das sei die Ausnahme. Schließlich sei es das Ziel fast aller Studenten, für ihr Leben zu lernen und mit einem ausgezeichneten Yeditepe-Abschlusszeugnis in ihr Berufsleben zu starten.

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