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Suchthilfe in Familien : Ohne Schuhe durch die kalten Straßen

  • -Aktualisiert am

Wenn Eltern alkohol- oder drogenabhängig sind, droht den Kindern Verwahrlosung, Vernachlässigung und oft auch Gewalt. Die Mitarbeiter der sozialpädagogischen Familienhilfe Sucht versuchen, das Leid zu lindern.

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          Man weiß nie, was man zu erwarten hat, wenn man der zu betreuenden Familie das erste Mal gegenübertritt“, sagt Anke Bartels-Macht, Mitarbeiterin der sozialpädagogischen Familienhilfe Sucht der Drogenhilfe Nordhessen. Die 40-jährige Diplomsozialpädagogin und Mutter von vier Kindern betreut 30 Stunden in der Woche insgesamt vier Familien im Schwalm-Eder-Kreis, im Kreis Hersfeld-Rotenburg und im Kreis Waldeck-Frankenberg. Betroffen sind Familien, die aufgrund von Suchtproblemen Hilfe benötigen.

          „Es geht prinzipiell um den Kindesschutz“, berichtet Bartels-Macht, „aber die Ziele unserer Arbeit können variieren.“ Sei es ein Alkoholiker oder Drogenabhängiger – Menschen, die mit einer Sucht zu kämpfen haben, können oftmals ihre Rolle als Elternteil nicht mehr bewältigen. Es kommt zu Verwahrlosung und Vernachlässigung bis hin zu Gewalttaten. ,,Einmal ließ mich eine Mutter einfach nicht mehr in die Wohnung, woraufhin ich das Jugendamt informieren musste. Die Wohnung war stark vermüllt, und der Strom schon seit Wochen abgeklemmt“, erzählt Bartels-Macht. Außerdem berichtet sie von einem Vorfall, bei dem Nachbarn darauf aufmerksam wurden, dass die kleinen Kinder einer solchen Familie abends bei Kälte ohne Schuhe durch die Stadt liefen.

          Drogenmissbrauch und Vergewaltigung

          „Bis jetzt ging immer alles gut. Es gab keine Eskalationen, auch wenn so manche Vorgeschichte der betroffenen Väter oder Mütter mich doch erschrocken hat.“ Zum Beispiel habe in einer Familie der Stiefvater der Kinder neun Jahre wegen Vergewaltigung im Gefängnis gesessen, erzählt Bartels-Macht. ,,Drogenmissbrauch und Beschaffungsdelikte sind auch nicht selten Teil der Biographie der Eltern, die ich betreue.“ Mit ihren 1,75 Meter und einer schlanken Figur kann doch von einer gewissen Risikobereitschaft gesprochen werden, wenn sie als Frau alleine Hausbesuche bei solchen Familien durchführt.

          Aber Bartels-Macht beruhigt: „Sicher ist es bei den ersten Treffen schwer, an die Familie heranzukommen, aber man muss eben einen Punkt finden, an dem man anknüpfen kann, um das Vertrauen der Familie zu erlangen. Das ist das Wichtigste, um mit den einzelnen Familienmitgliedern gut arbeiten zu können.“ Eine Möglichkeit sei zunächst, Dinge zu finden, die gut funktionieren, positive Eigenschaften der Eltern deutlich zu machen. ,,Es hilft anfangs viel, die Eltern, die meist selber schon eine schwere Kindheit hatten, in dem, was sie richtig machen, zu loben und bestätigen.“

          Der Stiefvater schlug sie

          Bartels-Macht erzählt von einer Mutter, die ein sehr ,,kumpelhaftes“ Verhältnis zu ihren Kindern hatte, aber keinerlei Grenzen aufzeigte und keine Vorbildfunktion einnahm. ,,Man muss den Eltern zuhören und versuchen zu verstehen, wieso sie ein bestimmtes Verhalten an den Tag legen.“ Diese Mutter hatte ein sehr schlechtes Verhältnis zu ihrem Stiefvater. Dieser ließ sie die Hausarbeiten alleine erledigen, schlug sie und bevorzugte seine leiblichen Kinder. ,,Diese Mutter hat in ihrer Kindheit darunter gelitten, vom Stiefvater keine Liebe zu erhalten. Dass sie jetzt das andere Extrem auslebt und ihren Kindern alles durchgehen lässt, ist verständlich und darf anfangs nicht verurteilt werden.“

          Der nächste Schritt sei dann, zusammen die Defizite des Verhaltens herauszustellen und daran zu arbeiten. In weiteren Gesprächen legt die Sozialpädagogin bestimmte Ziele fest, die es zu verwirklichen gilt. Meistens ist das Hauptziel ein Alkohol- oder Drogenentzug. Allerdings gibt es auch andere wichtige Punkte, an denen die Familienhelfer mit den Eltern und den Kindern arbeiten. „Es kann darum gehen, eine neue Wohnung zu finden oder einen Arbeitsplatz. Mir persönlich sind auch vor allem Fragen der Erziehung wichtig.“

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