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Stuntman : "Auch mal so sein wie Arnold Schwarzenegger"

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Alles nur gespielt: Stuntmen im Movie Park Germany Bild:

Es begann alles mit Actionfilmen: Die atemberaubenden Stunteinlagen der Hauptdarsteller reizten Bodo und Stephani zur Nachahmung. Nach dem Schulabschluss folgte die Ausbildung an einer Stuntschule. Jetzt sind beide - unbekannte - Filmstars.

          Vögel zwitschern, die Sonne scheint hell auf East Brookville. Der junge Kioskbesitzer öffnet seine Bude und begrüßt die ersten Spaziergänger. Der Duft von frisch gebackener Pizza weht über den Platz. Plötzlich bricht das Geräusch quietschender Reifen die Idylle, ein roter Flitzer jagt um die Ecke. Schwarz gekleidete, maskierte Männer springen auf den Asphalt und stürmen die Bank. Das Gebrüll der Gangster wird unterbrochen von einer Polizeisirene. Aus dem schwarz-weißen Polizeiauto steigt ein großer dunkelhaariger Polizist namens Brad, Typ Orlando Bloom. Durch das Megaphon in seiner Hand schallt: "Kommen Sie heraus, wir haben Sie umzingelt. Widerstand ist zwecklos!" - "Cut!", meldet sich der Regisseur energisch zu Wort. "Wo ist Lucy? So kann ich nicht arbeiten."

          Der 21 Jahre alte Stuntman Bodo Haarcks, der den Polizisten Brad spielt, schlägt einen schnellen Ersatz aus dem Publikum der "Crazy Action Stunt Show" vor. Alle weiblichen Zuschauer blicken betreten zu Boden. Jeder Angstschweiß rinnt umsonst, denn der Regisseur wählt zielstrebig die hübsche Blondine Stephani aus der Menge aus. Stephani Burkhard ist keine gewöhnliche Besucherin des Freizeitparks Movie Park Germany. Doch zu diesem Zeitpunkt weiß noch niemand, dass das Mädchen mit den Flip-Flops und dem geblümten Sommerrock die 19 Jahre alte Kollegin von Bodo ist. Beide arbeiten seit zwei Jahren sieben Tage die Woche in der Stuntshow, sie trainieren vier Stunden am Tag. Ihr Arbeitsplatz liegt in Bottrop-Kirchhellen, mitten im Ruhrpott. Der Movie Park Germany zieht auf seinen 45 Hektar rund 1,5 Millionen Besucher im Jahr an.

          Überleben im Filmgeschäft

          Bei so einem Ansturm von Filmfans müssen die Stuntmen schon früh anfangen, denn ihr Training beginnt bereits vor der ersten Show. Da die beiden mittags vor dem Publikum wilde Verfolgungsjagden vorführen, beginnt ihr Arbeitstag schon um 10 Uhr. Es gibt Besprechungen, Trainings, und die Choreographie wird wiederholt. Dabei üben sie die halsbrecherischen Stunts, die sie den Zuschauern immer wieder anders präsentieren. Wie viele Stuntshows gespielt werden, hängt immer vom Wetter und der Besucherzahl ab. Bis zu drei Shows sind möglich. Zudem spielen die Stuntleute neben der Crazy Action Stuntshow auch noch in anderen Shows mit, die im Freizeitpark aufgeführt werden. Dies sind Street Shows, die auf den Straßen des Movie Parks aufgeführt werden. Auftritte und Training unter einen Hut zu bringen ist sehr anstrengend, aber die Streetshows bringen zusätzliches Geld in die schmalen Portemonnaies.

          Die Bezahlung für diesen spektakulären Beruf beschreibt die Bielefelderin Stephani kurz: "Man kann davon leben. Nicht mehr und nicht weniger." Bodo fügt hinzu: "Es stimmt, aber es ist besser, wenn man noch andere Sachen nebenbei macht." In den Wintermonaten, wenn die Saison für Freizeitparks vorbei ist, stürzen sich Bodo und Stephani auch für Serien wie "R.I.S." und "Post Mortem" von den Dächern. Nebenher jobben beide noch in der Gastronomie, als Kellner und Verkäuferin.

          Gut aussehen reicht bei weitem nicht

          Das Publikum blickt gespannt Richtung Himmel. Oben auf dem Dach eines zerfallenen, mit Graffiti besprühten Gebäudes steht Stephani mit einem Gangster. Von unten hört man einen ohrenbetäubenden Knall. Die Zuschauer zucken zusammen und sehen den Rauch aus den Fenstern der Bank aufsteigen. Spätestens als sich Stephani wagemutig an einer Art Seilbahn von Gebäude zu Gebäude schwingt, erkennt das Publikum, dass sie nicht zufällig ausgewählt wurde. "Als Stuntman reicht es nicht, einfach gut auszusehen", erklärt Bodo, "man muss auch außerordentlich sportlich sein. Und je mehr man weiß, desto besser." Damit meint er technische Kenntnisse. Es ist zum Beispiel von Vorteil, sich genauer mit den Requisiten auszukennen und das Autofahren sehr gut zu beherrschen. Falls außerdem einmal eine Panne am Auto auftritt, sei es nicht schlecht, wenn man sich selber unter das Auto legen und den Schaden vorerst selber beheben könne.

          Ihr Wissen hilft den beiden Stuntkollegen auch, das Verletzungsrisiko zu minimieren. Blaue Flecken und Prellungen gehören jedoch zum Alltag. Die beiden wiegeln aber ab: "Verletzungen ziehen wir uns häufiger in der Freizeit zu, zum Beispiel beim Fußballspielen." Die eher "kleinen Unfälle", die während der Arbeit passieren, nehmen Bodo und Stephani gerne in Kauf, um ihren Kindheitstraum zu verwirklichen. Ihren Beruf möchten sie gerne ein Leben lang ausüben, doch die beiden wissen, dass das nicht immer möglich ist. "Es kommt ganz auf die körperliche Verfassung an." Dass man allerdings im höheren Alter noch topfit sein kann, beweist ihnen jeden Tag aufs neue ihr Chef, der mit Anfang 50 noch mitten im Beruf steht.

          Hautnah erleben, was in Actionfilmen passiert

          Bei ihrer Berufswahl sind Bodo und Stephani vor allem durch das Fernsehen beeinflusst worden. Durch die vielen Actionserien und -filme wie zum Beispiel "Terminator" mit Arnold Schwarzenegger sind sie auf den Beruf aufmerksam geworden. Vor allem Bodo war beeindruckt von den atemberaubenden Stunteinlagen des Hauptdarstellers. Der Reiz des Adrenalinkicks spielte dabei ebenfalls eine große Rolle. Beide wussten instinktiv, dass dies der richtige Beruf für sie ist. Daher begannen sie nach ihrem Realschulabschluss die Ausbildung bei der Stuntschule Steinmeier und Mohr im nordrhein-westfälischen Schermbeck.

          Eine festgeschriebene Ausbildungszeit gibt es nicht, da der Beruf des Stuntmans kein anerkannter Ausbildungsberuf ist. "Ich wollte auch mal so sein wie Arnold Schwarzenegger. Das erleben, was in Actionfilmen passiert", erklärt der gebürtige Kölner mit leuchtenden blauen Augen.

          Ein begeistertes Aah und Ooh geht durch die Menge, als Bodo und Stephanie vom Dach des Polizeigebäudes springen. Dann hört man tosenden Applaus. Die beiden zeigen ein zufriedenes Lächeln und sind sich einig: "Der Applaus nach getaner Arbeit ist das Schönste."

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