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Studieren in Santo Domingo : Salsa, Sonne und fordernde Patienten

  • -Aktualisiert am

Virgina Liria studiert dort, wo andere Urlaub machen und ihre Eltern vor der Auswanderung gelebt haben: Fürs Medizinstudium ist die junge Frau aus Boston nach Santo Domingo gezogen.

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          Der monotone Ventilator erfüllt die stickige, heiße Luft mit einem leisen Sirren. Auf der Terrasse stehen vier Schaukelstühle und ein Gartentisch. Es ist das Haus in der Wohnanlage „Urbanización Juan Carlos Primero“, bewohnt von Virginia Liria, 19 Jahre alt, in der Hauptstadt der Dominikanischen Republik, Santo Domingo. Sie studiert an der privaten Universidad Iberoamericana, Unibe, seit einem Jahr Medizin.

          Zierlich und kokett

          Virginia Liria ist eine zierliche, kokette Person. Sie sitzt auf einem der Schaukelstühle und schlürft genüsslich Limonade, trägt eine enge Bluse, pinkfarbene Leggings und schwarze Ballerinas. Ihre Kurzhaarfrisur wirkt perfekt, der Lippenstift unterstreicht ihre hellbraune Hautfarbe. „Ich bin so dankbar, studieren zu dürfen. Vor allem, weil mein Studium unter anderem in meiner Heimat, den USA, anerkannt wird“, sagt sie stolz. Vor einem Jahr ist sie aus Boston in die Dominikanische Republik gezogen, um Medizin studieren zu können. „Wie sollen meine Eltern mir und meinen anderen beiden Geschwistern ein Studium in den USA bei so hohen Studiengebühren finanzieren?“, sagt sie mit großen Augen und ein wenig Wut in der Stimme.

          Den Kindern etwas bieten

          Beide Eltern leben in Boston und arbeiten hart, um ihren Kindern das bestmögliche Leben bieten zu können. José Luis Liria, 49 Jahre alt, arbeitet in einem Sicherheitsunternehmen in der Kundenberatungsabteilung. Gegen 16 Uhr tritt er dann seine zweite Arbeitsstelle in einem Drogenberatungszentrum an. Seine Frau Anna Mariella Liria, 47 Jahre alt, arbeitet dort als Psychotherapeutin und hilft drogensüchtigen Jugendlichen. „Ich bin so stolz auf meine Mutter und meinen Vater. Beide sind so ehrgeizig und fleißig. Im Leben kommt es darauf an, anderen zu helfen und nicht nur an sein eigenes Wohlergehen zu denken“, sagt Virginia. Eine leichte Brise weht über die Terrasse, eine willkommene Abkühlung bei einer Temperatur von 32 Grad Celsius und 90 Prozent Luftfeuchtigkeit.

          Zu den karibischen Wurzeln

          Obwohl es anfangs schwer für ihre Familie war, sie losziehen zu lassen, sind sich alle sicher, dass sie die richtige Entscheidung getroffen haben. „Ich wollte einfach schon immer mal länger in der Dominikanischen Republik leben. Meine Eltern stammen aus diesem Land und sind ausgewandert, um eine bessere Zukunft zu haben. Mit diesem Aufenthalt finde ich zurück zu meinen karibischen Wurzeln.“ Ihre Heimat vermisst sie nur manchmal, wenn es darum geht, ihre Freunde wiederzusehen oder wenn sie Geburtstag hat.

          Mit der Landessprache Spanisch hatte Virginia keine Probleme. Sie wurde von Anfang an zweisprachig erzogen. Die Dominikanische Republik ist eine kleine Insel mit etwa 9,5 Millionen Einwohnern, auf der Musik immer präsent ist und karibische Rhythmen das Leben der Einheimischen erfüllen. Viele Dominikaner sind kommunikativ und vor allem lebensfroh. „Man braucht nur das Autoradio aufzudrehen, und schon fangen alle an mitzusingen und mitzutanzen. Musik wie Salsa, Merengue und Reggaeton gehören hier zum Leben dazu. Ich liebe diese Lebenseinstellung“, sagt Virginia lachend.

          Sie ist jetzt Pre-Medical

          Die Universität hat einen sehr guten Ruf. Das Studium kostet etwa 46 000 dominikanische Pesos, also ungefähr 900 Euro alle drei Monate. Für die meisten Einheimischen ist dies viel Geld, und so studieren hier vor allem Ausländer oder die Kinder weniger reicher einheimischer Familien. Virginia hat im ersten Jahr die Grundlagen gelernt und darf sich jetzt Pre-Medical nennen, also Studentin vor dem ersten akademischen Grad. Dieser Begriff wird in den Vereinigten Staaten benutzt, bevor ein Student zum Medizinstudenten wird. Das PreMed bezieht sich auf die Vorbereitung des Studenten für die „Medical School“. Diese Vorbereitungen beinhalten freiwillige Arbeit sowie Erfahrungen im Krankenhaus und in der Forschung.

          „Die Arbeit im Krankenhaus macht unheimlich viel Spaß. Ich habe in einem öffentlichen Krankenhaus gearbeitet. Mir wurde schnell bewusst, wie nah sich Tod und Leben sind. Trotz chaotischer Patienten, die hin und her rannten und unbedingt versorgt werden wollten, habe ich mich in dieser Umgebung wohl gefühlt. Die Nähe zu den Menschen und die persönlichen Gespräche über ihre Lebenslage waren eine willkommene Abwechslung“, berichtet sie.

          Eine Stunde mit dem Bus

          Um an der Medical School aufgenommen zu werden, muss Virginia einen Test bestehen. Danach sind es noch vier Jahre, bis der Abschluss geschafft ist. Um in den Vereinigten Staaten als Ärztin arbeiten zu können, muss sie dann das Amerikanische Staatsexamen bestehen. Virginia braucht etwa eine Stunde mit dem Bus bis zur Uni. Ihr Stundenplan ist unter anderem vollgepackt mit Biologie, Chemie, Physik und Spanisch. „Anstrengend und ermüdend ist es manchmal schon. Aber was tut man nicht alles für seinen Traum?“, fragt sie und wirkt dabei selbstbewusst.

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