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Stammzellenspende : Fäuste ballen und den Kreislauf stärken

  • -Aktualisiert am

Eine Stammzellenspenderin hat sich registrieren lassen. Sie berichtet, was dann abgelaufen ist, als sie die Chance hatte, ein Leben retten zu können.

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          Das Knochenmark ist vergleichbar mit einer Markthalle, hier wird produziert“, erklärt Pakhshan Farshi. Die junge, sympathische Oberärztin arbeitet in der Chemoambulanz des GPR Klinikums in Rüsselsheim. Sie sitzt in einem minimalistisch eingerichteten Behandlungszimmer. Ihr weißer Kittel hängt über dem Stuhl. Alle 15 Minuten erhält jemand in Deutschland die Diagnose Blutkrebs. Oft ist danach eine Strahlen- oder Chemotherapie nötig, um das geschwächte Immunsystem zu erneuern oder zu stärken. Wenn eine Strahlen- oder Chemotherapie bei Leukämie- oder Lymphompatienten erfolglos ist und es zu einem Rückfall kommt, ist eine Transplantation, eine Übertragung von Knochenmark- oder Blutstammzellen, die einzige Chance, die erkrankte Person zu heilen. Die zu transplantierenden Knochenmark- oder Blutstammzellen müssen kompatibel zum erkrankten Empfänger sein, damit die Stammzellen vom Immunsystem angenommen und nicht abgestoßen werden. Bei einem Drittel der Erkrankten eignen sich Geschwister als Spender, bei Eltern oder anderen Verwandten ist die Wahrscheinlichkeit, dass Gewebemerkmale identisch sind, viel geringer. Aus diesem Grund können oft nur fremde Menschen durch eine Knochenmark- oder Blutstammzellenspende helfen.

          Sie hat sich in Münster typisieren lassen

          Den Wunsch, beim Kampf gegen die Krankheit zu helfen, hatte auch Lisa Gebbeken, die sich als Stammzellenspenderin registrieren ließ. „In den 90er Jahren habe ich mich bei einem allgemeinen Aufruf in Münster typisieren lassen.“ Die Kompatibilität wird anhand von Gewebemerkmalen festgestellt. Eine Transplantation ist möglich, wenn die Merkmale des Spenders und des Empfängers nahezu oder sogar vollständig übereinstimmen. Durch eine Stäbchenprobe des Speichels können sich potentielle Spender bei allgemeinen Aufrufen von diversen Organisationen typisieren lassen. Eine Organisation, die sich mit der Heilung von Blutkrankheiten beschäftigt, ist die Deutsche Knochenmarkspenderdatei (DKMS). Auf ihrer Homepage wird nach der Beantwortung von Fragen festgestellt, ob der Interessent als Spender in Frage kommt. Bei einem positiven Ergebnis erhält der potenzielle Spender ein Registrierungsset nach Hause geschickt. Im Labor wird die Speichelprobe dann auf die Gewebemerkmale hin untersucht und das entstandene Profil in eine internationale Datenbank aufgenommen. Bei Übereinstimmung aller Gewebemerkmale ist eine Transplantation durch eine Bluttransfusion die üblichste Methode. Wenn nur der Großteil der Gewebemerkmale übereinstimmt, kann das Knochenmark des Spenders transplantiert werden.

          Der Geruch von Desinfektionsmittel kitzelt in der Nase. „Junge Menschen sind sehr gut geeignet. Vor allem junge, kräftige Männer sind potentielle Spender. Schwangere und Mütter sind eher ungeeignet, weil ihre Stammzellen zu immun sind und eher dazu neigen, abgestoßen zu werden.“ Lisa Gebbeken bekam wenige Jahre nach ihrer Registrierung einen Anruf, dass ihre Gewebemerkmale zu denen eines Empfängers passten. Zu diesem Zeitpunkt war sie mit ihrem ersten Kind schwanger, weshalb es zu keiner Spende kam. 2003 bekam sie erneut ein Schreiben. Sie hatte wieder die Chance, als Spenderin in Frage zu kommen, und reichte eine neue Probe ein. Die Probe passte. So fuhr die Frau kurze Zeit später in ein Düsseldorfer Krankenhaus, wo drei, vier Stunden lang weitere Untersuchungen gemacht wurden. „Am Ende des Tages bekam ich die Nachricht, dass ich als Spender geeignet bin. Ich musste ein Schreiben unterschreiben, um letztendlich noch mal einzuwilligen. Ab dem Moment wusste ich, es gibt kein Zurück mehr.“ Eine Woche vor der Spende musste sich Lisa Gebbeken Stimulationsspritzen in die Bauchdecke spritzen, die die Stammzellenproduktion ankurbeln. „Die Spritzen waren nicht so schlimm, vielleicht etwas unangenehm, ich hatte aber kleine Nebenwirkungen, die zu ertragen waren. Ich habe mich schlapp gefühlt.“

          Das eigene Blut spazieren gehen zu sehen

          Auch der Empfänger muss sich auf die Transplantation vorbereiten, indem er sich erneut einer Chemotherapie unterzieht, bei der die Markthalle, das Knochenmark, leergeräumt wird. So entsteht Platz für gesunde, neue Stammzellen. „So erkläre ich das auch meinen Patienten“, sagt Pakhshan Farshi. Am Tag vor der Transplantation finden letzte Untersuchungen des Spenders statt. Bei der Transplantation werden beide Arme mit Zugängen an Geräte angeschlossen. Das Blut wird ähnlich wie bei einer Blutabnahme entnommen. Die Geräte filtern das Blut, und nur die Stammzellen werden gesondert abgeführt. Das restliche, reine Blut wird dem Körper wieder über den anderen Arm zugeführt. „Schmerzen hatte ich nicht. Es war sehr faszinierend, mein eigenes Blut spazieren gehen zu sehen.“ Während der dreistündigen Spende müssen die Spender essen, trinken oder Fäuste ballen, um die Blutzirkulation anzukurbeln und den Kreislauf aufrechtzuerhalten. Drei Monate nach der Spende bekam Lisa Gebbeken die Nachricht, dass die Empfängerin die Spende vorerst gut angenommen habe. „Ich habe mich gefreut, wirklich gefreut und habe eine gewisse Dankbarkeit verspürt. Man macht sich eben ein Bild von der Person, man weiß ja nicht viel. Ich wusste das Körpergewicht der Frau, da das relevant für die Menge der Stammzellen wichtig war, und die Stadt, in der sie behandelt wurde: Hannover.“ Ein Jahr später bekam sie mitgeteilt, dass die Empfängerin nicht überlebt habe. Nach einer kurzen Pause fasst Lisa Gebbeken ihre Gedanken in zwei Sätze. „Aber ich habe es probiert. Ich habe probiert, ihr zu helfen.“

          Es ist nicht von Anfang an klar, ob und wie gut die Spende von dem Empfänger angenommen wird, dennoch besteht die Chance, jemandem ein neues, gesundes Leben zu schenken, deshalb sagt Lisa Gebbeken: „Ich würde es sofort wieder tun.“ Pakhshan Farshi lächelt: „Es ist also ganz einfach, Stäbchen rein, Spender sein.“

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