https://www.faz.net/-guy-11dme

Silvester in St. Moritz : 400 Schweizer Franken für ein Silvesterticket

  • -Aktualisiert am

Reizvoll für gut Betuchte: St. Moritz im Winter Bild: picture-alliance / dpa/dpaweb

Im Winter nächtigen 250 000 Gäste in den rund 40 Hotels von St. Moritz. Zum Jahreswechsel steigen in dem Engadiner Dorf die Preise. Das Feuerwerk gibt es erst verspätet, da haben sich die Gastronomen durchgesetzt.

          3 Min.

          Die Sonne brennt auf die Helme und Mützen der vielen Wintertouristen, die sich auf dem riesigen Pistenparadies von St. Moritz vergnügen. Wie jedes Jahr bleibt in den Tagen über Silvester kaum ein Fleck auf den Pisten und auf den Straßen des 5000-Seelen-Dorfes im Engadin leer. Die Gemeinde verfügt über die außerordentliche Kapazität, im Winter 250 000 Gäste in rund 40 Hotels, wie zum Beispiel dem „Palace“, dem „Kulm“ oder dem „Kempinski“, unterzubringen. „Dank der Touristen läuft die Wirtschaft hier oben, wären sie nicht da, würde wohl alles zusammenbrechen“, sagt die bald 80-jährige, aber noch vife Elsi Neuhaus und macht es sich in einem Sessel ihrer gemütlichen kleinen Wohnung bequem. Sie wohnt seit mehr als 50 Jahren in St. Moritz. Gemeinsam mit ihrem Mann hat sie mit Erfolg ein Taxiunternehmen geführt. „Der Dienstleistungssektor war schon immer sehr vielversprechend. Wir konnten gut von den Einnahmen, die die Wintersaison brachte, leben“, sagt sie und nippt an ihrer Teetasse.

          Taxi vor dem Nobelklub

          Wer in St. Moritz ausgeht, macht das nicht zu Fuß. Die gutbetuchten Touristen wollen trotz Pelzmantel in den kalten Nächten nicht frieren und bestellen sich ihr Taxi gleich vor den Nobelklub. Von solchen Touristen gibt es reichlich. Die meisten sind italienische Wohlhabende, auch viele Deutsche zieht es in die Gemeinde am vereisten St. Moritzer See. Und nicht zu vergessen die Russen, die mit ihren Privatjets auf dem nahe gelegenen Flughafen landen. Sogar Wladimir Putin logierte bereits einige Tage im Hotel Kempinski.

          „Ich finde diese Massen an Touristen recht mühsam“, sagt Daniel Neuhaus, der 20-jährige Hochbauzeichner und Enkel von Elsi Neuhaus. Er sitzt auf einem der großen Sessellifte im Skigebiet Corviglia-Marguns und blickt auf die einem Ameisenhaufen gleichenden Skipisten hinunter. „Auf die Skipiste gehe ich während der Hochsaison eigentlich nur morgens, dann sind noch nicht so viele Leute da. Am Mittag zieht es mich dann schon wieder nach Hause, man kann einfach nicht fahren, wie man will, wenn es so viele Leute auf der Piste hat.“ Der Snowboardfanatiker redet schnell, und an seinen starken St. Moritzer Dialekt muss man sich erst mal gewöhnen. Er ist einer, der gern Feste feiert und mit seiner witzigen Art und seinen vielen Geschichten, die er auf Lager hat, andere zum Lachen bringt.

          Die Nacht durchtanzen

          Für die Touristen heißt es Silvester ab in die Klubs, die Nacht durchtanzen. Für die Einheimischen stehen eher Feste zu Hause auf dem Programm. Pascal Tuor, ein Freund und Nachbar von Daniel Neuhaus, hat es sich in dessen Wohnung vor dem Fernseher gemütlich gemacht. „Silvester in einem Klub feiern? Können wir vergessen. Ist alles zu teuer. Aber mir macht das nicht viel aus. Wir können ja sonst immer in die Klubs gehen, und an diesem einen Abend tut’s auch eine Homeparty.“ Pascal ist in der Lehre zum Automechaniker in einem Nachbardorf. Er ist ein sehr ruhiger, gelassener junger Mann, und doch redet er in einem ähnlich schnellen Tempo wie der aktive Daniel.

          Die beiden jungen Männer lassen die Metropole St. Moritz aber hinter sich und feiern Silvester im nahe gelegenen Silvaplana, einem Nachbardorf. Tatsächlich findet man mit einer kleinen Brieftasche kein warmes Plätzchen in einem Klub des Dorfes in dieser kalten Silvesternacht. Der Klub „Diamond“, ein sonst nicht teurer Schuppen mitten in St. Moritz-Dorf, verkauft seine Tickets für diese Nacht für glatte dreihundert Schweizer Franken. Ein kleiner Pub, den sonst nur die Einheimischen bevölkern, verlangt an Silvester vierzig Franken. Auf den Straßen scharen sich die Gruppen von jungen, piekfein zurechtgemachten Touristen. Am See parkieren weiße Maybachs.

          Ihm ist alles viel zu teuer

          „Es war schon immer sehr teuer hier oben, doch die Preise sind seit dem letzten Jahr noch mehr angestiegen“, sagt der 19-jährige Zürcher Landschaftsgärtner Silvan Reichmuth. Er fährt regelmäßig nach St. Moritz, um seine Großmutter Elsi Neuhaus und seinen Cousin Daniel Neuhaus zu besuchen. Für ihn ist hier alles viel zu teuer. „Wenigstens gibt es ein großes Feuerwerk auf dem gefrorenen See um Mitternacht. Das ist immer sehr schön“, sagt er schulterzuckend. Doch seine Großmutter muss ihn enttäuschen: „Das Feuerwerk findet erst am 1. Januar statt. Da geht alles um sehr viel Geld. Die Hotel- und Restaurantbesitzer wollen ja nicht, dass an Silvester, wo das große Geld gemacht wird, alle um Mitternacht zum See gehen, anstatt mit teurem Champagner anzustoßen.“

          Weitere Themen

          Bisher 300 Hochhausbewohner getestet

          Liveblog zum Coronavirus : Bisher 300 Hochhausbewohner getestet

          350 Personen nach Gottesdiensten in Vorpommern isoliert +++ Niederländische Farmen müssen Nerze töten +++ RKI: 407 bestätigte neue Fälle +++ Medikament Hydroxychloroquine bei Studie durchgefallen +++ Alle Entwicklungen im Liveblog.

          330 Tonnen Kraftstoff beseitigt

          Diesel-Katastrophe in Sibirien : 330 Tonnen Kraftstoff beseitigt

          21.000 Tonnen ausgetretener Diesel-Kraftstoff verunreinigen nach einem Leck in einem Kraftwerk die Naturgebiete am Nordpolarmeer. Ein Bruchteil davon wurde nun von Spezialisten entfernt. Die Katastrophe hätte wohl verhindert werden können.

          Topmeldungen

          Gut gelaunt mit amerikanischen Soldaten am Truppenstützpunkt Ramstein: Amerikas Präsident Donald Trump im Jahr 2018.

          Trumps Abzugspläne : Ein weiterer Tiefschlag

          Sollten Tausende amerikanische Soldaten Deutschland verlassen, würde das vor allem dem Pentagon selbst zu schaffen machen. Für das transatlantische Verhältnis aber verheißt er nichts Gutes.

          Proteste gegen Rassismus : Die Welt solidarisiert sich mit George Floyd

          In Deutschland protestieren Zehntausende in mehreren Großstädten gegen Rassismus und Polizeigewalt. Allein in München gehen mehr als 20.000 Menschen auf die Straße. Auch in anderen Ländern kommt es zu Protesten – entgegen der Empfehlung der Behörden.
          Nicht nur Gnabry (links) und Goretzka trafen für den FC Bayern in Leverkusen.

          4:2 in Leverkusen : Der FC Bayern ist eine Klasse für sich

          Die Münchner meistern die wohl größte Hürde, die auf dem Weg zum Titel noch zu nehmen war, mit dem klaren Sieg in Leverkusen souverän. Die fußballerische Perfektion erinnert an die besten Phasen unter Pep Guardiola.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.