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Schüleraustausch : Vom schäbigen Bungalow in die Luxusvilla

  • -Aktualisiert am

Steffis erste Gastfamilie in Kalifornien war ein glatter Reinfall. Ein Wechsel bescherte der Schülerin ein Leben voller Komfort.

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          Fünf Wochen sind es her, seit Steffi Voss aus Fulda mit ihrem Handgepäck, gefüllt mit Schokolade, einem Bildband über Hessen und einem Kochbuch als Gastgeschenke mitten in der Nacht in Los Angeles gelandet ist. Dass die siebzehnjährige Anita Limera, ihre Gastgeberin, mexikanische Wurzeln hat, weiß Steffi bereits. Innerhalb der zehnköpfigen Großfamilie wird meistens Spanisch gesprochen, so steht es in Anitas Vorstellungs-E-Mail. Kein Problem, Steffis Wahlfach ist Spanisch, in der Highschool wird sie Englisch sprechen. Todmüde fällt sie nach 21 Stunden Anreise ins Bett. Gerade noch nimmt die 16-Jährige wahr, dass jemand das Bett mit ihr teilt. „No problem“, Steffi ist zum Glück zierlich, „wahrscheinlich wird das Gästebett erst morgen aufgebaut“, denkt sie. Anita schläft gern bei Musik, auch der Computer rauscht nachts.

          An ihrem ersten Schultag findet sich Steffi ohne Frühstück müde an einer Bushaltestelle wieder. In einer Reihe stehen schwarzhaarige, plaudernde Schüler, alle mit bronzefarbener Haut, die wie auf Kommando stumm werden, als sie mit Anita in den Bus steigt. „Du bist weiß“, sagt Anita später, „in der Schule kein Problem, aber abends solltest du besser nicht rausgehen.“ Steffi versteht.

          Eine Lehrerin aus Erfurt

          Was sie nicht versteht, ist das Spanisch, das hier gesprochen wird. Es hat wenig mit ihrem Schulspanisch gemeinsam. Anitas Eltern sind erst vor einigen Jahren eingewandert und sprechen nur wenige Worte Englisch. In der Highschool gibt die aus Erfurt stammende Deutschlehrerin Antje Peteri ihrer Gastschülerin zu verstehen, dass sie ein Auge auf die Situation hat. Sie weiß, dass die Gasteltern arbeitslos sind und dass Anita oft in einem chinesischen Schnellrestaurant arbeitet. Für Steffi bedeutet das, an diesen Tagen im Haus zu bleiben. Es ist ein schmaler Holzbungalow, in dem neben Anitas Eltern, Geschwistern, Nichten und Neffen auch noch eine Bekannte mit ihrem Kind wohnt. Der große Bruder hat die Schule abgebrochen, er liegt am liebsten vor dem lauten Fernseher, sein Schlafsofa steht im Gang vor Anitas Zimmer. Steffi hilft ihrer Gastmutter. Es gelingt ihr, im Mädchenzimmer den Fußboden freizuräumen. Unter dem Bett liegt weißes Pulver, Rattengift. Ihre Sachen bleiben im Koffer. Es bleibt bei dem gemeinsam benutzten Bett, allerdings findet Steffi beim Aufräumen eine Decke, die sie als Bettdecke benutzen darf. Die Dusche ist defekt, es gibt einen Eimer, mit dem man sich kaltes Wasser übergießen kann.

          Der Schulweg ist zu gefährlich

          Nach der ersten Woche kommt Anita eines Abends nicht nach Hause. Steffi genießt es, das Bett für sich zu haben, geht aber am nächsten Morgen nicht zur Schule, weil es allein zu gefährlich ist. Zum ersten Mal wird ihr bewusst, dass sie sich bisher außer Haus mit Essen versorgt hat. Meistens haben Anita und sie in der Schule ein Mittagessen bekommen, abends sind sie zu einem Pfannkuchen-Imbiss gegangen. Jetzt hat sie Hunger. Sie findet noch Schokolade in ihrem Rucksack. Sie ruft die Deutschlehrerin an, um das Fehlen zu entschuldigen. Als die Lehrerin die Gründe erfährt, geht alles sehr schnell. Auf ihrem Handy bekommt Steffi einen Anruf: „Bitte packen Sie Ihre Sachen“, sagt Roland Winzer, der Organisator des Schüleraustauschs: „Unsere Organisation legt Wert darauf, dass die Gastschüler von ihren Gastgebern nicht vernachlässigt werden. In zwei Stunden wird Familie Reader Sie abholen.“ Ohne lange zu überlegen, packt Steffi ihre Sachen.

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