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Restauratoren : Explosionen in Zeitlupe

  • -Aktualisiert am

Bild: Andrea Koopmann

Schön bedeutet für sie vor allem interessant: Restauratoren von archäologischen Grabungsfunden arbeiten wie Detektive - mit Pinsel, Skalpell und großer Sorgfalt.

          Fast hat man das Gefühl, beim Zahnarzt zu sein oder in einem pathologischen Institut. Von einem langen, weiß gekachelten Flur gehen weiße Türen ab, neben denen Schilder angebracht sind wie „Röntgen“ oder „Chemikalien“. Viel ist nicht los an diesem Montag in der Restaurierung der LWL-Archäologie in Westfalen im Speicher 12 in Coerde bei Münster. An den weißen Wänden in den Arbeitsräumen hängen neben Ausstellungsplakaten und Terminkalendern Familienfotos. Konzentriert beugt sich Ruth Tegethoff über ein unförmiges Objekt, während sie es unter dem Lichtmikroskop begutachtet und mit Skalpell und weichen Pinseln vom Lehm und Rost befreit, die sich im Laufe der Jahrhunderte auf der Oberfläche angesammelt haben.

          Es ist einer von vielen Grabungsfunden, mit Kennziffern versehene Gegenstände, die die Archäologen von ihren Grabungen in der Region Westfalen-Lippe hergebracht haben. Teilweise befinden sich auch Funde registrierter Privatunternehmer darunter von sogenannten Sondengängern.

          Holz wird im Gefriertrockner kontrolliert getrocknet

          “Es geht in erster Linie um die Konservierung und den Erhalt archäologischen Fundguts“, beschreibt die Restauratorin ihre Arbeit für die Zentralen Dienste der LWL-Archäologie in Westfalen. „Weniger darum, dass die Funde schön aussehen.“ Und wirklich - das schwärzliche Eisenmesser, an dem die schlanke Frau in ihrem weißen Kittel arbeitet, sieht alles andere als ansprechend aus: Das Messer ist von der Korrosion zersetzt und beinahe aufgequollen. „Meist kommen die Funde in einem Zustand zu uns, wo sie rasch zerfallen und kaputtgehen können, vor allem Eisenfunde sind sehr empfindlich. Da muss man schnell arbeiten, damit die Korrosion nicht noch weiter die Oberfläche beschädigt.“

          Wie die 54-Jährige einen Fund konserviert, hängt vor allem davon ab, aus welchem Material der Gegenstand ist und in welchem Zustand er sich befindet. Nassholz und Organik bearbeitet sie anders als Buntmetalle wie Bronze, bei denen kann man bis zu einem Jahr warten, ohne dass der Fund Schaden nimmt. Dagegen muss sie organische Materialien sofort konservieren. Damit zum Beispiel die Zellen im Holz nicht zerfallen, wäscht sie es zunächst in Wasser, bevor es im Gefriertrockner kontrolliert getrocknet wird.

          Die Seide aus dem Bischofsgrab stammt aus Venedig

          Aber nicht nur Holz- und Lederfunde werden in einer Restaurierungswerkstatt konserviert. Ruth Tegethoff hatte schon zahlreiche Knochen- und Schädelfunde auf ihrem Arbeitsplatz liegen, mitunter sogar jahrhundertealte Moorleichen. „In so einem Fall kommt natürlich auch noch die ethische Frage hinzu: Wie geht man mit den biologischen Überresten eines Menschen um?“ Die blonde Frau streicht sich eine Strähne ihres zusammengebundenen Haares hinter ein Ohr. „Denn schließlich werden diese Überreste wie Objekte behandelt. Bischofsgräber von vor 300 Jahren werden zum Beispiel untersucht, und später kann man dann sagen, dass die Seide des Gewands aus Venedig stammte. Im Sinne des Bischofs war das ganz gewiss nicht.“

          “Wichtig ist auch hierbei, dass die Würde des Unbekannten gewahrt bleibt“, setzt Werkstattleiter Sebastian Pechtold ernst hinzu. „Nicht wie in einigen Ausstellungen, die ich besucht habe, wo Moorleichen in einer geradezu entwürdigenden, abscheulichen Art und Weise präsentiert wurden. Grauenhaft!“ Auch der Gedanke daran, dass sich der gesamte Denkapparat des Menschen darin befand, ist ein weiterer Grund dafür, weshalb Ruth Tegethoff das Kleben von menschlichen Schädeln doch als „sehr grenzwertig“ empfindet. So gesehen ist es vielleicht auch erleichternd, dass es sich bei den meisten Fundobjekten ausschließlich um Metalle wie Eisen handelt. Ein solcher Fund muss, bevor er tatsächlich konserviert wird, häufig geröntgt werden. Unter der Röntgenstrahlung wird die Form erkennbar, was sonst häufig nicht mehr feststellbar ist, da Bodensalze in Verbindung mit Sauerstoff die Oberfläche des Eisens zersetzen und abspalten. Pechtold beschreibt dieses Phänomen als eine Art „Explosion in Zeitlupe“.

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