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Querschnittsgelähmt nach Unfall : Irgendwie geht es weiter

  • -Aktualisiert am

Bild: Claudia Weikert, Labor Frankfurt

Momente, wie barfuß über eine Wiese zu laufen, in einem See zu schwimmen oder zu tanzen, wird Lisa nicht mehr erleben. Sie ist seit Jahren durch einen Unfall querschnittsgelähmt. Aber sie hat neuen Mut gefasst.

          3 Min.

          Es war ein Fahrradunfall, vor vier Jahren. Lisa aus dem nordhessischen Dorf Helsa, damals 19 Jahre jung, seit einigen Wochen in der Ausbildung zur Bürokauffrau, wollte zum Brötchenholen kurz ins Nachbardorf Oberkauffungen fahren. Ruhige Gegend. Nicht viel Verkehr. "Es war sehr neblig, und mein Fahrrad hatte kein Licht, doch sonntagmorgens waren die Straßen damals wie ausgestorben. Nur deshalb ließ mich meine Mutter fahren. Doch diesmal kam alles anders", sagt Lisa, eine junge Frau mit braunen lockigen Haaren, dunklen Augen, einem Muttermal auf der linken Wange und vollen Lippen.

          In einer Kurve kam ihr ein Auto entgegen. An die nächsten Momente erinnert sie sich wie in Zeitlupe. Sie will nach rechts ausweichen, auf den Rasen zu, lenkt bereits die rettende Kurve, doch sie knallt mit voller Wucht gegen den vorderen Kotflügel des Autos. Nun verliert sie die Kontrolle, hebt ab, 20 Meter durch die Luft, quer über die Gegenfahrbahn. Sie spürt, wie sie aufschlägt, am Becken, am Kopf, noch einmal mit Wucht am Rücken. Dann bleibt sie zwischen einem Verkehrsschild und einer Leitplanke im Straßengraben liegen. Die quietschenden Reifen des wegfahrenden Autos sind das Letzte, was sie bei Bewusstsein wahrnimmt. Fahrerflucht. Eine unendliche dreiviertel Stunde liegt sie bewusstlos da - bis ein weiteres Auto kommt, der Fahrer ihr Rad auf der Straße liegen sieht und den Notarzt alarmiert.

          Wie soll es weiter gehen?

          "Unerträgliche Schmerzen. Das war mein erstes Gefühl, als ich in diesem kahlen, weißen Krankenhauszimmer aufwachte", sagt die 23 Jahre alte Frau. Was bei dem Unfall wirklich geschehen war, hat Lisa tagelang nicht gewusst; die Ärzte haben nichts gesagt, die Eltern auch nicht. Sie lag auf der Intensivstation, trug eine Halskrause und konnte nur ein wenig den Kopf bewegen. Die Wahrheit erfuhr Lisa von ihrer älteren Schwester. Sie sprach bloß in Andeutungen, doch sie verstand sofort. "Ich habe geweint. Die ganze Nacht", erinnert sie sich.

          Bild: Claudia Weikert, Labor Frankfurt

          "Das Leben geht weiter." Vier Wörter. Ein einfacher Satz mit großer Bedeutung. "Zuerst dachte ich mir: Wie geht das Leben weiter, wenn man 19 und querschnittsgelähmt ist?" Doch die Hoffnung kam mit dem Satz der Schwester.

          Heute weiß sie: es gibt Schlimmeres

          Der siebte Halswirbel ist gebrochen. Lisa deutet die Stelle mit der Hand an. Sie hat Glück gehabt, in den Armen fehlen ihr ein paar Muskeln, aber sie kann ihre Hände benutzen, kann essen, zugreifen, schreiben. "Das Gefühl ist schwer zu beschreiben. Man spürt nichts und spürt doch etwas." Lisa sitzt seit dem Unfall im Rollstuhl. Man schaut aus einer anderen Perspektive auf das Leben, von zwei Rädern aus. Der Blick richtet sich auf Dinge, die tiefer liegen. "Die Anfangszeit war schwer für mich. Sehr schwer. Die Tatsache, dass ich niemals mehr laufen werde, hat mich fertiggemacht."

          Jeder Tag im Krankenhaus war gleich. Frühstück, Krankengymnastik, Mittagessen, Besuchszeit bis 16 Uhr. Um 17 Uhr gab es dann Abendbrot, danach machte Lisa das Licht aus und versuchte zu schlafen. Keine Lust, irgendwas zu tun. Die Lähmung war nicht nur körperlich. Aber es gibt immer kleine Wunder, die Hoffnung machen oder die einen an das alte Leben fesseln. Der Moment kam, als sie ihr Schicksal akzeptierte - es war die Geburt des Patenkindes. "Meine Schwester brachte ein halbes Jahr nach meinem Unfall ein kleines Mädchen, Sophie, zur Welt. Ich bin die Patentante. Ich will sie aufwachsen sehen." Lisa wollte leben, auch mit Rollstuhl. Sie weiß heute: "Es gibt Schlimmeres. Ich hätte tot sein können oder geistig behindert."

          Das Leben zurückerobern

          Mit der Geburt der Nichte kam der Ehrgeiz wieder: der Versuch, sich vom Leben so viel wie möglich zurückzuerobern. Und so sieht das neue Leben aus: Lisa wohnt nach wie vor bei ihren Eltern. Das Haus wurde behindertengerecht umgebaut. Somit hat sie keine Schwierigkeiten, sich mit ihrem Rollstuhl in der Wohnung zu bewegen. Unterstützung braucht sie beim Duschen, Anziehen und beim Gang zur Toilette. Ihre Lehre hat sie im vergangenen Jahr mit Erfolg abgeschlossen und wurde übernommen.

          Sie hat dieselben Freunde wie früher. Wenn sie mit ihnen unterwegs ist, sitzt sie meistens am Steuer; so ist sie unabhängig und kann nach Hause, wenn sie erschöpft ist. Zunächst, berichtet Lisa, fiel es den Mädels schwer, mit ihr zu reden, und ihr selbst ging es nicht anders. Es hat Monate gedauert, bis sie mit ihrer besten Freundin darüber sprechen konnte, dass sie querschnittsgelähmt ist. Doch ihre Freunde waren für sie da. Unterstützten sie. Gaben ihr neue Hoffnung, wenn sie sie mal wieder verloren hatte.

          Die Zukunft ist ungewiss

          Wie blickt eine Dreiundzwanzigjährige, die im Rollstuhl sitzt, in die Zukunft? Früher hatte sich Lisa ihr Leben so vorgestellt: Mit 30 wollte sie einen Mann, zwei Kinder und einen Hund haben, ein Häuschen auf dem Land bauen und einen gut bezahlten Job haben.

          Heute denkt die junge Frau nicht mehr so langfristig. Sie weiß nicht, wo sie mit 30 stehen wird. Sie weiß, dass sie erst mal nicht so schnell bei ihren Eltern ausziehen wird. Auf Unterstützung ist sie im Moment noch angewiesen. Doch ihrer Zukunft blickt sie optimistisch entgegen: "Ich bin in den letzten vier Jahren um zehn Jahre gereift. Der Unfall hat meinen Charakter geprägt und gestärkt, und ich werde später so gut wie möglich ein eigenständiges Leben führen - im Rollstuhl."

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