https://www.faz.net/-guy-11dcz

Polnische Zeitzeugen : „Vergessen kann man nicht, vergeben schon“

  • Aktualisiert am

Bild: Illustration Andrea Koopmann

Sie haben das Kinderlager Lodz oder das Konzentrationslager Dachau überlebt. Heute berichten polnische Zeitzeugen über diese Verbrechen. Nicht nur die Kölner Realschüler sind erschrocken.

          Unruhig rutschen 40 Schüler mit gefärbten Haaren, sonnenstudiogebräuntem Teint und auffällig glitzernder Markenkleidung auf ihren Stühlen hin und her. Das Klassenzimmer der Zehntklässler ist stickig, die Tafeln sind bekritzelt, und auf den Holztischen prangen Liebesschwüre, Morddrohungen und Spickzettel, geschrieben mit Edding und Bleistift. Die Tür geht auf, und zwei ältere Damen betreten den Raum. Gemächlich gehen sie zu ihrem Platz und setzen sich hin. Eine der beiden begrüßt die Jugendlichen auf Polnisch.

          Alfreda Bolinska und Czeslawa Henke sind fast 80-jährige polnische KZ-Überlebende des Kinderlagers Lodz, die Jugendlichen sind Schüler der Realschule Hasental in Köln-Deutz. Möglich machte dieses Aufeinandertreffen der Generationen das Maximilian-Kolbe-Werk. Der gemeinnützige Verein hat es sich zur Aufgabe gemacht, Zeitzeugengespräche zu organisieren. Jedes Jahr kommen Zeitzeugen aus Polen angereist, die zwei Wochen lang weiterführende Schulen in Nordrhein-Westfalen besuchen, um dort von ihren Erlebnissen in Konzentrationslagern zu berichten.

          Als Alfreda Bolinska von dem brutalen Mord an einer hochschwangeren Frau erzählt, hält die Klasse der Realschule den Atem an. Während der Berichte sind schockierte Ausrufe und fassungsloses Gemurmel zu vernehmen. „Das darf nicht wahr sein!“, sagt ein Mädchen mit Minirock und schüttelt den Kopf. Das stille Entsetzen auf den Gesichtern paart sich mit Wut, Trauer, Mitleid und Scham. Nach den Berichten werden viele Fragen gestellt.

          Eine Frage, die auch der 88 Jahre alte Zeitzeuge Wladyslaw Gozdziewicz immer wieder hört, ist die nach den Gründen für seine Arbeit als Zeitzeuge. Nicht nur die Schüler wundern sich, dass er nach all dem, was ihm während der fünf Jahre Haft im Konzentrationslager Dachau angetan wurde, noch in das Land der Verbrecher reist. Auch seine Familie und Freunde sehen seine jährlichen Reisen nach Deutschland sehr kritisch. Gozdziewicz schmunzelt: „Bei meiner ersten Reise nach Deutschland sagte mein Enkel: ,Großvater, nimmst du doch Kanonen mit!‘“ Der alte Mann spricht Deutsch mit stark polnischem Akzent. Die KZ-Insassen wurden früher gezwungen, Deutsch zu sprechen. Viele der Zeitzeugen haben seit der Entlassung aus dem KZ nie wieder Deutsch gesprochen. Einige ehemalige Insassen können es nicht einmal ertragen, deutsche Worte zu hören, denn Deutsch war die Sprache ihrer Peiniger.

          Gozdziewicz jedoch ist seit einigen Jahren Mitglied des Zeitzeugenprogramms und kommt jedes Jahr nach Deutschland, um mit Schülern zu sprechen. Als Antwort auf die Frage nach dem Warum pflegt Gozdziewicz zu sagen: „Ich bin verhältnismäßig alt, und es ist ja so ein Sprichwort: Fragt uns, solange wir noch leben, wir sind die Letzten.“ Die Eltern der heutigen Jugendlichen wüssten selber wenig über die Vergangenheit ihrer eigenen Eltern und könnten so auch ihren Kindern nichts oder fast nichts darüber erzählen. Die Unwissenheit der Jugendlichen könne aber sehr gefährlich werden, mahnt er. „Hass ist erblich. Der Geschichtsunterricht reicht nicht aus, um Vorurteile abzulegen. Er ist auch sehr theoretisch“, kritisiert Gozdziewicz. Darum sei es nun mal seine Aufgabe, Geschichtsunterricht zu vermitteln. Zustimmend nickt der 85-jährige Czeslaw Nadolny: „Für uns ist das ein Mission. Das ist nicht leicht, lieber würde ich mit meiner Frau in Erholung fahren.“

          Weitere Themen

          Wie können Mint-Fächer attraktiver werden?

          Hohe Abbruchrate : Wie können Mint-Fächer attraktiver werden?

          Studenten aus dem Mint-Bereich fühlen sich oft überfordert und brechen ab. Das liegt auch an fehlenden Kenntnissen aus dem Schulunterricht. Könnten verpflichtende Vorkurse daran etwas ändern? Ein Gastbeitrag.

          Topmeldungen

          Großbritannien und Iran : Zwei Tanker und eine Retourkutsche

          Kritiker werfen der Regierung in London vor, sie sei vom Machtkampf um die Nachfolge Mays abgelenkt. Tut sie zu wenig für die Sicherheit der britischen Schiffe im Persischen Golf?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.