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Obdachlosenhilfe Porto : Nur die Besten

  • -Aktualisiert am

Kochen oder kellnern auf hohem Niveau und zurück ins Leben: Ein Verein in der Hafenstadt Porto hilft Obdachlosen. Gespräch mit einem, der es geschafft hat.

          3 Min.

          Es riecht nach Suppe, gekochtem Fleisch, Kartoffeln. Leise hört man ruhige Jazz-Musik. „Für Nummer 5, bitte!“, tönt es aus der Küche. Kellner João Carvalho (Name geändert) bewegt sich in diese Richtung, bevor er mit Platten zurückkehrt. „Hier ist Ihre Bestellung. Guten Appetit“, wünscht er dem Gast. „Es waren die schlimmsten vier Jahren meines Lebens“, beginnt der 50-Jährige zu erzählen. Es fällt ihm nicht leicht, über seine Vergangenheit zu sprechen. Der braunhaarige Mann hat vier Jahre lang auf der Straße gelebt. Zwei Jahre lang hat er in dem sozial schwierigsten Viertel Portos gelebt. „Ich habe angefangen, mich mit problematischen Leuten in Beziehung zu setzen, und ab diesem Moment fiel meine Lebensstabilität nur noch ab. Ich habe meinen Job verloren, mein Haus, meine Familie, alles, was ich hatte.“ Sein Leben ändert sich, als er vor fünf Jahren den Verein „Saom“ entdeckt. Das steht für „Serviços de Assistência Organizações de Maria“, also „Support Services Organizations of Mary“, die sich in Porto befindet. Sie wurde 1976 gegründet und hat bis heute zahlreiche Leben wieder in die richtige Bahn zurückgelenkt.

          „Hervorragend vorbereitet“

          „Sie eröffneten mir die Möglichkeit, an einem Trainingskurs teilzunehmen, mit dem Ziel, später in einem guten Hotel arbeiten zu können“, sagt João. „Es hängt von der einzelnen Person ab, wo man uns einsetzt. Einigen wird Kochen beigebracht, anderen der Tischservice, was bei mir der Fall ist, aber alle arbeiten im Catering-Bereich.“ Dankbar berichtet er weiter: „Unabhängig von unserer speziellen Aufgabe, werden wir hervorragend vorbereitet.“ Luísa Neves, die Leiterin des Vereins, sagt, um Obdachlose wieder einzugliedern, sei es notwendig, sie auf einem hohen Niveau auszubilden. „Sie können nicht in einem Restaurant von minderer Qualität arbeiten. Es ist ja die Welt, die sie kennen, wohin sie nie wieder kommen sollten.“ Mit Welt meint sie die Orte, die sie als Obdachlose, als „sem-abrigos“, wie sie auf Portugiesisch heißen, frequentiert haben. Luísa Neves behauptet, dass diese Orte sie schnell wieder dazu bringen würden, in ihr vorheriges Leben zurückzufallen. „Der Markt will nur die Besten haben“, betont sie, „und deshalb müssen wir sie zu den Besten ausbilden.“

          Ein Hotel hat zwölf ehemalige Obdachlose eingestellt

          Jeder Mensch könne sein Leben ändern und kann sich von anderen dabei helfen lassen. Mit der Veränderung des Lebens eines Obdachlosen meint Neves nicht, dass man die Leute in einem Wohnheim unterbringt, wo sie unseren Blick nicht mehr stören, sondern sie möchte ihnen ein unabhängiges und gesundes Leben ermöglichen. Die Menschen müssen ins Leben zurückkehren, indem sie eine Arbeitsstelle, eine Unterkunft und ein geregelten Einkommen haben. Es kommt immer öfter vor, dass die von der Organisation Ausgebildeten später von guten Hotels eingestellt werden. Ein Beispiel dafür ist das Hotel Carris Porto Ribeira in Porto, das vor sieben Jahren zwölf ehemalige Obdachlose aus dem Verein eingestellt hat.

          Dieser Eingliederungsprozess gelingt jedoch nicht immer. Etwa ein Drittel der vermittelten Menschen hält nicht bis zum Ende durch. Einige überfordert die Arbeitsintensität, andere sind nicht mehr an Hygiene gewöhnt, und andere schaffen es nicht, weil sie keine Lebensfreude mehr haben. „Wir versuchen diese Menschen zu motivieren, ihr Leben zurückzufordern, indem wir ihnen die besseren Seiten des Lebens zeigen, trotzdem schaffen wir es nicht immer.“ So erzählt die Leiterin von einer obdachlosen Frau, die knapp 50 Jahre alt war und schon mehr als zehn Jahre auf der Straße gelebt hat. „Sie weigerte sich, sich helfen zu lassen“,sagt Luísa Neves. Bei diesen Fällen kann nicht viel getan werden. Die Person muss fähig und bereit sein, ihre Gewohnheiten abzulegen, sonst schafft sie es nicht durchzuhalten. „Natürlich ärgert es uns, wenn wir unsere Aufgabe nicht erfüllen können, aber wir dürfen uns nicht dadurch entmutigen lassen, da es viele andere Menschen gibt, die unsere Hilfe brauchen und auf uns warten.“

          Wieder lernen, auf sich aufzupassen

          Es gibt Mitarbeiter, aber auch viele Freiwillige, die auf den Straßen die Hilfsbedürftigen ansprechen. In der Innenstadt Portos, in manchen problematischen sozialen Vierteln am Fluss, dem Douro. Die meisten der Obdachlosen, denen Saom hilft, sind älter als 30 Jahre. Sie müssen wieder lernen, zu arbeiten, sich ausbilden zu lassen, auf sich aufzupassen und sich wieder um sich selbst zu kümmern. „Man muss es nur wollen und Mut haben“, behauptet João Carvalho.

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