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Nach der Hirnblutung : Stefanie muss mit Defiziten leben

  • -Aktualisiert am

Vor neun Jahren wäre Stefanie an einer Hirnblutung fast gestorben. Mühsam musste sie wieder sprechen lernen. Heute ist sie 22 Jahre alt und lebt mit kleinen Einschränkungen. Aber sie ist voller Zukunftspläne.

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          Stefanie hinkt. Das linke Bein wirkt steif, und sie zieht es leicht nach. Auch mit dem Arm stimmt etwas nicht. Er hängt seltsam herab, als würde er nicht zu ihrem Körper gehören. Die linke Gesichtshälfte ist ausdruckslos und schlaff. Sie lächelt. Ihre braunen Augen schauen aufmerksam hinter den Brillengläsern hervor. Es fällt ihnen jedoch schwer, einen Punkt zu fixieren. Die 22-Jährige aus Tübingen lebt. Das ist ein Segen für sie und ihre Familie – denn vor neun Jahren wäre Stefanie fast gestorben.

          Es passierte am 20. März 2000. Mit ihren Klassenkameraden war die damals 13-Jährige auf dem Weg zu einem Schulausflug. Mit dem Zug sollte es zum Eislaufen in die Nachbarstadt Reutlingen gehen. Schon den ganzen Vormittag hatte sich die Schülerin komisch gefühlt. Übel sei ihr gewesen, und Kopfschmerzen habe sie gehabt. Während der Zugfahrt las sie Zeitschriften. Irgendwie sei sie jedoch nicht bei der Sache gewesen. „Ich fühlte mich, als wäre ich halb da, halb dort.“

          Da waren sechs Wochen vergangen

          Dann ging alles ganz schnell. Plötzlich übergab sie sich und verlor das Bewusstsein. „Als ich wieder aufgewacht bin, hatte ich ein seltsames Gefühl. Ich lag halb auf dem Bauch und habe gemerkt, dass irgendwas mit mir nicht stimmt.“ Stefanie sitzt an einem großen Holztisch im Haus ihrer Eltern. Mit der rechten Hand hebt sie die linke Hand auf den Tisch und betrachtet sie. „Dann wollte ich einfach nur meine Mama sehen.“ Sie lächelt. Mutter Gabi erklärte ihrer Tochter, wo sie war und was mit ihr passiert war. Sechs Wochen waren seit dem Schulausflug vergangen. Nachdem Stefanie im Zug ohnmächtig geworden war, brachte man sie auf die Intensivstation der Uniklinik Tübingen. Die Diagnose: spontane Hirnblutung. Stefanie schwebte in Lebensgefahr und lag in künstlichem Koma.

          Es folgten für ihre Eltern und ihre drei Brüder Wochen des Hoffens und Bangens. „Es war ein ständiges Auf und Ab. Wir konnten nur auf dem kleinen Monitor, an den sie angeschlossen war, erkennen, wie es ihr geht“, sagt die Mutter. Dann folgte die Verlegung in die Reha-Klinik Geilingen, ein neurologisches Rehabilitationszentrum. Nachdem Stefanie erfahren hatte, was mit ihr los was, folgten die wohl schwersten Wochen ihres Lebens. Sie konnte nur die rechte Hand bewegen und nicht sprechen. Ihr Kopf arbeitete nur sehr langsam, und sie wurde künstlich ernährt. Wie ein kleines Kind musste sie alles neu lernen. Laufen, sprechen, essen.

          Eine Operation bringt keine Erkenntnisse

          „Ich wollte das alles nicht, weil ich es doch eigentlich alles schon konnte. Die sollten mich einfach alle nur in Ruhe lassen.“ Auch die Ursachenforschung beginnt in Geilingen. Eine Therapie nach der anderen, Untersuchungen, Tests – ohne Erfolg. Eine Operation soll Aufschluss bringen. Die wirft Stefanie in ihrer körperlichen Entwicklung wieder zurück, bringt aber keine neuen Erkenntnisse. Bis heute ist die Ursache der Hirnblutung unklar. Mindestens genauso schlimm wie die körperlichen und geistigen Defizite wog für Stefanie noch etwas anderes: „Als ich in Geilingen aufgewacht bin, habe ich festgestellt, dass meine Haare abrasiert waren.“ Ein Schock für das kranke Mädchen. „Ich war sehr stolz auf meine Haare“, sagt sie. „Sie waren schön. Lang und lockig.“ Eineinhalb Jahre verbringt Stefanie in Geilingen. Die Reha-Klinik liegt am Hochrhein in der Nähe des Bodensees. Zwei Autostunden von Tübingen entfernt. Ihre Mutter wohnt in der Zeit bei ihr. Der Vater organisiert den Alltag von Stefanies Brüdern. Oma, Opa – alle helfen mit.

          Die Haare machen ihr Mut

          Langsam geht es voran. Stefanie lernt, mit ihren Defiziten zu leben und ihr Schicksal zu akzeptieren. Sie lernt Sprechen und Laufen. Schon nach ein paar Monaten beginnt sie wieder mit dem Schulunterricht. Sie möchte ihren Hauptschulabschluss machen. Immer öfter darf sie die Wochenenden bei ihrer Familie zu Hause verbringen. Ehrgeizig kämpft sich die junge Frau zurück ins Leben.

          Heute hat sie eine kaufmännische Ausbildung absolviert. Sie will wieder reiten. Stefanie wohnt in der Nähe ihrer Familie und besucht sie fast jedes Wochenende. Ihre Haare reichen bis zur Schulter. „Meine Haare machen mir jeden Tag wieder neuen Mut“, sagt Stefanie und lächelt.

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