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Mobbing in der Grundschule : Bloß nicht wegsehen

  • -Aktualisiert am

Bild: Moni Port / Labor

Mobbing und gezieltes Ausgrenzen, darunter leiden schon Grundschüler. Aber dagegen lässt sich einiges tun. Unsere Autorinnen haben sich in Schweizer Schulen umgesehen.

          Die Pulte sind in drei Reihen frontal gegen die Wandtafel aufgereiht, interessiert blicken die Drittklässler auf das Geschehen. Vorne stehen zwei eigentlich erfahrene Lehrerinnen, die sich im Job-Sharing die Stelle an der Primarschule Obfelden, einem Dorf im Kanton Zürich, teilen. Neben ihnen steht ein Mädchen, die blonden Haare dienen im Moment als Vorhang, sodass sie die Klasse nicht sehen muss. Sie macht den Eindruck, als würde sie sich weit, weit weg wünschen und die Worte der Lehrerinnen nicht hören müssen: „Also, Anna hier fühlt sich geplagt von der Klasse, ihr solltet das nicht tun, weil sie mittlerweile nicht mehr gerne zur Schule kommt“, sagt die jüngere der Pädagoginnen. Aber Anna wird nicht einfach „geplagt“, Anna wird gemobbt, einfach nur, weil sie sich nicht nach der neusten Mode kleidet. Die Lehrerinnen scheinen mit der Situation überfordert und wissen nicht, wie sie auf das Problem reagieren sollen.

          Lehrer ignorieren das Problem

          Anna Stahel ist kein Einzelfall, immer häufiger tritt Mobbing schon in der Unterstufe, das heißt in der ersten bis dritten Klasse, auf. Oft reagieren Lehrer mit Ignoranz oder einfach falsch. Wie eben bei Anna: Nachdem sie sich vor die Klasse stellen musste und ihre Lehrerinnen die Klasse zurechtgewiesen hatten, wurde es für sie nur noch schlimmer. Jetzt, ein Jahr später, erinnert sich ihre Mutter Janine Stahel: „Anna traute sich kaum mehr zur Schule, denn nachdem die Lehrerinnen auf diese Weise reagiert hatten, wurde sie nur noch übler drangsaliert.“ Sie fährt sich durch die kurzen Haare. „Nach diesem missglückten Versuch, das Ganze zu unterbinden, wollte Anna auch keine Gespräche mehr, weder mit den Lehrerinnen noch mit den Eltern der Anstifter.“ Die Mutter stellte einen Antrag auf Klassenwechsel für ihre Tochter. Anna wechselte in ihrem dritten Schuljahr dann in die Parallelklasse. Es half. „Es hat nicht lange gedauert, und Anna ging wieder viel lieber zur Schule, sie hat es sehr gut mit ihren neuen Klassenkameraden. Ich bin sehr froh, dass ich mich dazu entschlossen habe, diesen Antrag für den Wechsel zu stellen“, erklärt Janine Stahel lächelnd.

          Beherzt griff die Mutter ein

          Ähnlich reagierte auch Hanni Durscheid. Ihr Sohn Alex wurde, als er in die dritte Klasse desselben Schulhauses in Obfelden ging, ebenfalls gemobbt, weil zwei Klassenmitglieder ihn nicht mochten. „Er wollte meist nicht mehr zur Schule, aber dass ich mit den Eltern der Anstifter des Ganzen rede oder mit den Lehrern, das wollte er nicht. Er hatte Angst, dass es schlimmer werde. Außerdem sagte er immer, die Lehrer bekämen es ja sicher mit, sie würden nur nie etwas sagen“, berichtet die Mutter. Noch jetzt, drei Jahre danach, schüttelt sie ungläubig den Kopf. „Dass die Lehrer einfach wegsahen, das hat mich damals sehr wütend gemacht.“ Nach der dritten Klasse wandte sich Frau Durscheid an die Schulpflege, das ist die Laien- und Milizbehörde, die in den schweizerischen Gemeinden die öffentlichen Schulen überwacht. „Ich sagte, dass ich nicht wolle, dass Alex weiterhin mit diesen zwei, die ihn mobbten, in dieselbe Klasse gehe.“ Auch hier gab die Schulpflege dem Antrag statt, und auch hier funktionierte es: „Mittlerweile macht ihm die Schule auch wieder Spaß. Manchmal erzählt er, dass die zwei Haupttäter von früher auch heute noch irgendwelche dummen Sprüche reißen, aber dank dem Rückhalt seiner Klasse und seinen Freunden kann er das nun ignorieren. Er weiß, dass er nicht alleine ist.“

          Die Heilpädagogin hilft

          Aber was, wenn die Möglichkeit eines Wechsels in eine Parallelklasse nicht möglich ist? Wenn es zum Beispiel in einer kleinen Gemeinde nur eine einzige Klasse in der Stufe gibt? Nadja Etter, eine 45 Jahre alte schulische Heilpädagogin mit langjähriger Erfahrung, hat einen Weg gefunden, den Kindern die Schule wenigstens etwas angenehmer zu gestalten. Die fröhliche Frau mit den dunklen Locken trägt einen grünen Pullover und Jeans, holt einen Sack Steine und erklärt: „Jedes Klassenmitglied ist einer dieser Steine.“ Sie arbeitet mit einem Mädchen aus Knonau, einem Dorf im Kanton Zürich, das an der Grenze zu Zug liegt. Das Kind besucht die erste Klasse, es gibt keine Möglichkeit zum Wechseln. Wenn Nadja Etter mit dem Mädchen spricht, frage sie sie immer als Erstes, mit wem es gesprochen habe, wer etwas Nettes zu ihm gesagt habe. „Das Mädchen sortiert dann meistes zwei, drei Steine aus, und so sieht es ganz klar, dass es nicht völlig alleine ist. Diese Erfahrung ist sehr wichtig.“ Zu sehen, dass sie nicht völlig alleine sind, ist sehr wichtig für Kinder, die gemobbt werden. Seit Etter dieses Verfahren anwendet, fühle sich das Mädchen deutlich wohler, zuvor litt es oft an Bauchschmerzen, konnte sich schlecht konzentrieren, doch mittlerweile gehe all dies schon um einiges besser.

          Er macht keine Schuldzuweisungen

          Eine weitere Möglichkeit, einem Mobbingopfer zu helfen und vor allem auch gegen Mobbing vorzugehen, so erklärt die Pädagogin, sei das „Non Blame Approach“, das von Barbara Maine und George Robinson entwickelt wurde. Bei dieser Methode wird eine „Unterstützungsgruppe“ aus den Schülerreihen gebildet, die aus Tätern, Mitläufern und auch Nichtbeteiligten bestehen kann. Der Lehrer spricht mit dieser Gruppe, erzählt ihr, wie sich das gemobbte Kind fühlt, doch er macht keine Schuldzuweisungen. Die Kinder sollen selber Vorschläge bringen, was man tun könnte, damit sich das Opfer besser fühlt. Am Ende des Treffens soll der Lehrer die Verantwortung für die Problemlösung der Gruppe überlassen, aber ein weiteres Treffen vereinbaren, um den Verlauf zu verfolgen. „Ich selber habe das noch nie ausprobiert, doch ich kann mir sehr gut vorstellen, dass es hilft“, sagt Nadja Etter. „Doch bei allem darf man nicht vergessen, dass in jedem Fall nur geholfen werden kann, wenn Lehrpersonen hin- und nicht wegsehen.“

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