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Libanesische Hochzeit in Hessen : Das Jawort wird vor dem Scheich besiegelt

  • -Aktualisiert am

Bild: Christopher Fellehner, Labor Frankfurt

Hala Zhour ist Libanesin und heiratet im kleinen hessischen Grebendorf ihren Hussein. Es wird getanzt, gelacht und gestaunt, die Gäste geben sich ausgelassener Multikultistimmung hin.

          Fünf Uhr nachmittags, Grebendorf, ein kleines, ruhiges Fleckchen im Norden Hessens, unauffällig, überschaubar. Im Bürgerhaus wird Hala Zhour, eine 23 Jahre alte Libanesin mit deutscher Staatsbürgerschaft, in wenigen Augenblicken das Jawort geben. Dazu wird die junge Frau, die in Bochum Anglistik studiert, von ihren Eltern über den Vorplatz zum Eingang des Bürgerhauses geführt. Ihr folgen die Schwestern, die nach arabischer Tradition die Hand waagerecht über die Oberlippe heften und eine Art Trillern vernehmen lassen. Diese Geste, auf Arabisch Salruta genannt, wird nun auch von anderen Gästen vollführt und begleitet das Brautpaar bis zu seinen Plätzen am Kopfende des Saals, während im Hintergrund traditionelle Musik erklingt. Der Eingang wird von den engsten Freundinnen der Braut gesäumt, die sie in den nunmehr 20 vergangenen Jahren ihres Aufenthalts in Deutschland an den unterschiedlichsten Orten gewonnen hat.

          Sie bewundern Halas Kleid

          So verschieden wie jene Orte, sind auch die aufgeregten Freundinnen, die jetzt - jede eine Kerze in der Hand - Halas Kleid bestaunen. So steht eine große dunkelhaarige Deutsche neben einer kleineren, ein orientalisch verziertes Kopftuch tragenden Marokkanerin sowie einer vor Rührung weinenden Russin und ihnen gegenüber eine zum Islam konvertierte Deutsche neben einer halb Griechin, halb Türkin und einer blonden deutschen Christin. Der deutsche DJ, der nun die Musik abstellt, um die bevorstehende Zeremonie der islamischen Eheschließung nicht zu stören, wirft interessierte Blicke auf die sich ihm bietende Szenerie, denn auch er hatte noch nicht das Vergnügen, Aufmischer eines solchen Kulturcocktails zu sein.

          Ein Saal im orientalischen Stil

          Nun ist es so weit. Die Gäste stellen sich im Halbkreis um den kleinen Tisch, der, wie auch der gesamte Saal, in orientalischem Stil dekoriert ist. Draußen beginnt es zu dämmern, und die in Rot-, Braun- und Goldtönen gehaltene Dekoration verleiht dem Saal im Schein der vielen Kerzen etwas Warmes, während der Scheich an der Frontseite des Tisches zu sprechen anhebt. Der algerische Religionsgelehrte spricht auf Arabisch. Damit aber auch die nichtarabischen Gäste der Zeremonie folgen können, steht Halas Schwester neben ihr, um die Worte des Scheichs sinngemäß zu übersetzen.

          Und hier endlich fällt das „Ja, ich willige ein“ der Braut, mit welchem sie dem Scheich die Vollmacht verleiht, ihr Vormund in diesem Augenblick zu sein und sie in ihrem Namen mit Hussein, dem jungen Libanesen am anderen Ende des Tisches, zu vermählen. Es werden Formalitäten wie Bedingungen, Rechte und Mitgift verlesen und abgeklärt, die beiden direkt beiwohnenden Zeugen und das junge Ehepaar unterzeichnen den vereinigenden Vertrag.

          Umrisse einer Moschee

          Mit der erneut erklingenden Musik bricht die Gesellschaft in rege Teilnahme aus: Ringe werden angesteckt, Glückwünsche ausgerufen, es wird applaudiert, und hier und da ist ein schallendes Salruta zu vernehmen. Das Brautpaar nimmt auf dem Podest Platz, der Bräutigam in klassischem schwarzen Anzug, die Braut hingegen in einem cremefarbenen, marokkanisch angehauchten Kleid mit einem weinroten Oberkleid, das wiederum mit einem cremefarbenen Stoff überstickt ist. Ihre türkische Freundin hat das Kleid maßgeschneidert, wobei Malika, ihre libanesische Freundin, ihr kunstvoll das Kopftuch hergerichtet hat. Hinter dem Brautpaar erhebt sich in Wüstenfarben die Silhouette einer orientalischen Ortschaft, Umrisse einer Moschee, Palmen und der Halbmond. Diese Aussicht ist Halas deutscher Freundin Eva zu verdanken, die den Saal dekoriert hat.

          Im schwungvollen Rhythmus

          Vor dem Brautpaar übernehmen die jungen Männer das Geschehen, während im Hintergrund arabische Maualeed, Lieder mit religiösem Anklang, den Takt angeben. Im schwungvollen Rhythmus dieser Lieder wird das arabische Dabke getanzt. Die Männer ergreifen jeweils die Hände ihres Nachbarn und tanzen mit traditioneller Beintechnik in einem großen Kreis, lachend, unbeschwert. Eine deutsche Freundin der Familie dreht sich zu ihren Eltern um und bemerkt schmunzelnd: ,,Tja, bei uns ginge das erst ab 1,7 Promille.“

          Die üppige Dekoration, die rhythmische Musik, die vereinzelt ausbrechenden Lobesreden auf das Brautpaar von libanesischen Gefährten und der aufsteigende Duft arabischen Kaffees und exotischer Gewürze schaffen eine Atmosphäre, die die Anwesenden an einen fernen warmen Ort fortträgt. Hier vereinen sich jetzt in redseliger Stimmung nicht nur die bunt zusammengewürfelten Freunde der Braut, sondern auch diejenigen des Bräutigams und der Familie.

          Buddhisten, Christen, Moslems vereint

          Da sitzen Pakistaner, Thailänder, Jugoslawen, Palästinenser und Kameruner an einem Tisch, Buddhisten, Christen, Moslems und Atheisten sowie solche, die probe- oder vielleicht auch einfach nur spaßeshalber zur Feier des Tages ein Kopftuch tragen. Deutsche, die sich an den arabischen Leckereien erfreuen und heimlich die Küche aufsuchen, um verlegen um mehr zu bitten, Libanesen, die von der Brautmutter frisch zubereitete Landesspezialitäten in großzügigen Mengen auftischen und dabei den aufgeregt umherspringenden Kindern ausweichen, die eifrig versuchen die Kunst des Dabkes zu erfassen.

          Als Höhepunkt wird der Bräutigam, der in Bochum Maschinenbau studiert, in neuer Garderobe auf einem Stuhl sitzend über die Köpfe der jubelnden Menge auf die Tanzfläche getragen. Sein schwarzes Gewand mit goldbrauner Verzierung in beduinisch-marokkanischem Stil bauscht sich im Tanz über seinen Sandalen auf, eine cremefarbene Kopfbedeckung mit schwarzem Haltring umrahmt sein vor Zufriedenheit und Freude glühendes Gesicht; lachend ermuntert er die Menge mitzumachen.

          Ein wahrer Kulturencocktail auf knappen 250 Quadratmetern im Grebendorfer Bürgerhaus, die unter den scheinbar nie ermüdenden Füßen der tanzenden Hochzeitsgesellschaft beben. Genauso wie vermutlich die Herzen des jungen Brautpaares.

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