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Leben in Klausur : Und der Rest ist Schweigen

  • -Aktualisiert am

Bild: Andrea Koopmann

Sie lebt hinter hohen Mauern, in strenger Klausur und hat sich acht Jahre lang auf ein Leben hinter Klostermauern vorbereitet: Schwester Maria Virgo, Steyler Anbetungsschwester, die dort nahe Venlo einer anderen Enge entgehen möchte.

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          Schon von weitem sieht man das große, neogotische Gebäude an der Maas, die kühle Morgensonne scheint auf die rot-braunen Klinker, aus dem Kamin steigen Rauchwolken auf. Erst auf den zweiten Blick fällt auf, dass der Garten des Gebäudes durch eine hohe Mauer eingeschlossen ist und man in keines der vielen Fenster hineinsehen kann. Überall sind Vorhänge vorgezogen. Im Besucherzimmer sitzt die 53-jährige Ordensfrau hinter dunklen, hölzernen Gitterstäben und erklärt: „Wir führen ein Leben in beständiger Klausur und einer Atmosphäre des Schweigens, die weitgehend nicht unterbrochen werden soll.“ Der Raum ist auf der Besucherseite auf seine Art behaglich eingerichtet: Eine rosa Spitzentischdecke und ein Kunstblumenbouquet schmücken den Tisch. Die Stuhlkissen sind mit Blumen und Enten bestickt, an der Wand hängen Bilder, die die umliegende Landschaft zeigen. Hinter den Gittern sieht es jedoch anders aus. Nur ein Marienbild in einem dunklen Rahmen und ein schlichtes Kreuz zieren die weiße Wand, ein einfacher Holzstuhl ist das einzige Möbelstück. Auf diesem Stuhl hat die mit einem rosafarbenen Habit bekleidete Schwester Maria Virgo Platz genommen. Nur in Ausnahmefällen spricht sie mit Besuchern.

          Armut, Keuchheit und Gehorsam

          Sie lebt seit 27 Jahren in der Gemeinschaft der Dienerinnen des Heiligen Geistes und hat wie alle 18 Schwestern in diesem Haus nach einer Vorbereitungszeit von acht Jahren die ewigen Gelübde der Armut, der Keuschheit und des Gehorsams abgelegt. Die Gemeinschaft dieser Schwestern, die auch Steyler Anbetungsschwestern genannt werden, ist die dritte und jüngste Gründung des 2003 heilig gesprochenen Arnold Janssen im heutigen Steyler Klosterdorf, das in der Nähe von Venlo liegt. Er hat sie als kontemplativ-missionarische Gemeinschaft 1896 ins Leben gerufen, um seinen beiden aktiven Kongregationen, den Steyler Missionaren und den Steyler Missionsschwestern, den betenden Rückhalt zu geben.

          Sie habe sich schon einige Zeit vom Ordensleben angezogen gefühlt, erzählt die aus Wiehl nahe Köln stammende Schwester, dabei sei ihr aber der Gedanke an einen kontemplativen Orden erst sehr spät gekommen. „Ich wollte natürlich wie die meisten in einen aktiven Orden.“ Erst als sie eine Messe der Steyler Anbetungsschwestern besucht habe, habe sie eine große Begeisterung erfasst. Ihre grün-blauen Augen leuchten: „Es war wie eine Verliebtheit.“ Da dieses Gefühl über lange Zeit bestehen geblieben ist, hat sich Schwester Virgo, deren Name übersetzt „Jungfrau“ bedeutet, entschlossen, in den Orden einzutreten. Trotz des Bewusstseins, dass sie ihre Familie und Freunde nur zweimal jährlich sehen und sie sich bei diesen Treffen hinter den Gittern des Besucherzimmers aufhalten werde, sei ihr der Abschied nicht schwergefallen. „Im Studentenkreis in Bonn habe ich eine kleine Fete organisiert und alle Wertsachen, die ich nicht mit ins Kloster nehmen konnte, als Andenken verschenkt.“ Dabei sei ihr das Abgeben des „schönen Kleinkrams“, vor allem ihrer Töpferware, besonders schwergefallen, erzählt sie wehmütig. Ihre tiefreligiösen und gottesfürchtigen Eltern haben ihre Entscheidung schnell akzeptiert, auch wenn sie der Gedanke daran, dass ihre Tochter nie wieder nach Hause kommen würde, traurig gestimmt habe.

          Können die Menschen denn keine Stille mehr aushalten?

          Seit die damals 26-jährige Schwester in den Orden der Anbetungsschwestern, die weder fernsehen noch Radio hören, eingetreten ist, lebt sie in Stille und Abgeschiedenheit. Durch diese Grundregeln des Ordens fühle sie sich jedoch in keiner Weise eingeengt. Sie habe das Ordensleben bewusst gewählt, um einer anderen Enge zu entgehen. „Vor kurzem musste ich ausnahmsweise das Haus für eine Ultraschalluntersuchung im Krankenhaus verlassen, und selbst in der Umkleidekabine lief Musik. Können denn die Menschen überhaupt keine Stille mehr aushalten?“ Sie selbst, so erklärt sie, würde sich durch den ständigen Lärm eingeengt fühlen. Sie sei diesem Lärm entgangen und habe die Weite der Stille um sich herum. Die studierte Landwirtin, die ihren Beruf im Kloster kaum einbringen kann, erzählt weiterhin, dass ihr oft selbst kleine Absprachen zur Verrichtung ihrer Arbeit zu viel „Gerede“ seien. Erstaunlich, dass eine so eloquente Frau so leicht auf das gesprochene Wort verzichten kann.

          Der durch die Gebetszeiten strukturierte Tag der Schwestern beginnt um 4.45 Uhr und endet gegen 20.30 Uhr. Die Schwestern beten, hauptsächlich in Stille oder im Chorgebet, für die Nöte der Welt, für die Steyler Missionare und für alle Priester. Ihre Ordensregel besagt, dass sie ein Leben in gläubiger Beschauung und dankbarer Anbetung, beharrlichem Beten und selbstlosem Dienen führen sollen.

          Basteln, Ballspielen und keine exklusive Freundschaft

          Neben Beten und Kontemplation sind Arbeitszeiten, um etwa das Haus sauber zu halten oder den weitläufigen Garten zu pflegen, Mahlzeiten sowie eine gemeinsame Freizeit nach dem Abendessen festgelegt. In dieser Freizeit soll ausdrücklich eine Dreiviertelstunde geredet werden. „Gott hat die Menschen schließlich zur Gemeinschaft erschaffen.“ In dieser Erholungsphase wird gebastelt, Ball gespielt oder auch selten einmal ein allgemeinbildender Film geschaut. Eine Auslebung der persönlichen Bedürfnisse oder einer exklusiven Freundschaft wird dabei abgelehnt, denn diese Aktivitäten dienen ausschließlich der Stärkung der Gemeinschaft. Grundsätzlich gilt die jeweilige Landessprache als verbindlich. Damit keine Sprachbarrieren durch die unterschiedlichen Nationalitäten der Schwestern auftreten, wird Wert auf das Erlernen der englischen Sprache gelegt.

          Die häufig gestellte Frage, ob die Schwestern nicht das Kloster verlassen und nicht sprechen dürfen, verärgert Schwester Virgo. „Wir wollen das Kloster nicht verlassen und sprechen. Das ist schließlich unsere freie Entscheidung.“ Dann lehnt sie sich zufrieden zurück und erklärt fast ein bisschen stolz, dass sie den Entschluss zu dieser ungewöhnlichen Lebensform nie bereut habe.

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