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Leben im Iran : Erdbebenangst und schleierhafte Sitten

  • Aktualisiert am

Bild: Von Zubinski, LABOR Frankfurt

Große Gastfreundschaft und weniger Freiheiten als hier: Pastorentochter Clara hat sechs Jahre mit ihrer Familie in Teheran gelebt.

          4 Min.

          Eine junge Frau schlendert durch den Wald; die Luft ist noch kalt von der Nacht. Die Blätter am Boden haben die gleiche Farbe wie die leuchtenden, langen Haare, die unter einem dunklen Tuch versteckt sind. Clara Jacobi ist keine Muslima, sie trägt das Kopftuch aus Zweckmäßigkeit als Schutz vor Kälte und aus alter Gewohnheit: Die sechs Jahre, die sie in Teheran in Iran verbracht hat, haben Spuren bei der heute Achtzehnjährigen hinterlassen.

          Im Jahr 2003 hieß es für Familie Jacobi Abschied nehmen von Deutschland, von Freunden und Familie. Die Mitschüler, die "nicht einmal wussten, wo Iran ist", konnten die Beweggründe der Familie nicht nachvollziehen: Die Eltern Anja und Karl Jacobi, beide evangelische Pastoren, hatte das Fernweh gepackt. Nach einem halbjährigen Aufenthalt in Südafrika wollten sie wieder ins Ausland und zwar für längere Zeit. In Frage kamen das in Südamerika gelegene Surinam sowie der Iran, dort waren Pfarrstellen frei geworden. Das Pastorenpaar entschied sich nach einem Besuch für das ehemalige Persien, weil sowohl die Gemeinde als auch das Land sie begeistert hatten. Clara und ihre vier jüngeren Geschwister Alice, Richard, Karlson und Quintus freuten sich auf ein großes Abenteuer. In Deutschland lernten sie erste Ausdrücke auf Persisch wie Ja, nein, danke oder bitte, die vor allem Clara zusammen mit Alice in einem zweijährigen Sprachkurs im Iran um viele Wörter erweitern sollte. Im September 2003 war es so weit. Um 23 Uhr Ortszeit kamen die sieben Abenteurer aus dem herbstlichen Deutschland im warmen Teheran an. Wie die anderen Frauen trugen auch Clara, ihre Mutter und Schwester Alice Kopftücher. Diese sollten sie ab jetzt immer in der Öffentlichkeit tragen, wie es in dem streng islamischen Land Gesetz ist. "Das Kopftuch war für mich nie ein Problem. Anfangs habe ich immer gelacht, wenn ich es angezogen habe, aber gestört hat es mich nicht. Meine Schwester und meine Mutter aber sehr."

          Die neue Schule war für Clara eher eine Umstellung. Mit dem Bus ging es in die Deutsche Botschaftsschule Teheran, die Kindergarten und Grundschule hat und von 120 Schülern unterschiedlicher Nationalitäten besucht wird. Hauptsächlich natürlich von Iranern, doch auch Ungarn, Serben, Norweger, Schweizer, Australier und Russen waren zeitweise Claras Klassenkameraden. "Die Klassen waren sehr klein, und ich fand das sehr schön", sagt Clara.

          Das Viertel Gholhak, in dem sie lebten, wirkte anfangs dörflich; die Straße zu ihrem Haus war nicht geteert, was sich später änderte. Statt in einen Supermarkt ging man nun in kleine Läden, auf Märkte und Basare, auf denen man unterschiedliche Dinge wie Haushaltswaren, Gewürze, Obst und Gemüse, aber auch Schuhe und Kleidung kaufen konnte - natürlich nie ohne vorher um den Preis zu feilschen. Aufgrund mangelnder Grünflächen in den Wohnvierteln sind die gepflegten Parks ein beliebter Treffpunkt für die Iraner, die sich oft mit der gesamten Familie inklusive Kleinkindern und mit Freunden bis weit in die Nacht hinein zusammensetzen, um zu picknicken, zu tratschen, Tee zu trinken oder die Wasserpfeife zu rauchen.

          "Die Iraner", sagt Clara, "sind ein sehr freundliches und höfliches Volk. Es gibt dort eine Höflichkeit namens Tarof, die sehr streng eingehalten wird. Wenn zum Beispiel eine Familie beim Grillen sitzt und jemand Bekanntes kommt

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