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Latine loqui-Kurs : Diskutieren auf Latein

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Auch in der Pizzeria haben sie nur Latein gesprochen. Eine junge Schweizer Lehrerin über ihren „latine loqui“-Kurs an der University of Kentucky.

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          Andere Sprachen sind verboten“, lacht Rebecca Graf im Klassenzimmer im ländlichen Trogen in Appenzell Ausserrhoden. Auf der Tafel steht „Carpe Diem“. Die junge Lateinlehrerin hat im Sommer vor einem Jahr am Conventiculum Dickinsoniense in Pennsylvania teilgenommen, an dem ausschließlich Latein gesprochen wird. Der Kurs gehört zu einer Reihe von „latine loqui“-Kursen der University of Kentucky. Rund 200 Personen nehmen jedes Jahr an diesen Treffen teil. Die braunhaarige, großgewachsene Frau sah das als gute Gelegenheit, in ihrer Unterrichtsfachsprache nicht immer nur zu übersetzen, zu korrigieren oder zu unterrichten, sondern auch zu sprechen, so wie es damals die Römer getan haben. Als sie Gymnasiastin war, musste sie sich entscheiden, ob sie Englisch oder Altgriechisch belegen wollte. „Englisch werde ich vor Ort lernen, immersiv, im direkten Kontakt mit den Leuten“, dachte sie. „Altgriechisch allerdings spricht niemand mehr, dieser Sprache und ihrer Kultur kann ich nur an der Schule begegnen.“ Die „Nützlichkeit“ der griechischen Sprache wurde ihr erst später bewusst, als sie begann, Russisch zu lernen, und von der Verwandtschaft dieser Sprachen profitieren konnte. An der New Canaan High School in Connecticut begegnete sie ihren ersten englischen Wörtern. „Der Anfang war nicht einfach, doch nach ein paar Monaten und vielen Nachtschichten mit Wörterbuch und Taschenlampe, konnte ich mit meinen Kameraden mithalten.“ Damals ahnte sie nicht, dass sie 20 Jahre später zurückkehren und auf Latein mit ihren amerikanischen Kommilitonen kommunizieren würde!

          Amerikaner und Chinesen sprechen das anders aus

          Die aus Schaffhausen stammende Schweizerin war die einzige Kursteilnehmerin aus Europa. Unter den 40 Teilnehmern gab es auch Studenten, Schüler, Physiker, Informatiker sowie andere Lateinliebhaber. Voraussetzung ist, dass man die Grammatik beherrscht, einfache literarische Texte versteht und bereit ist, die ganze Woche nur Latein zu sprechen. „Die amerikanische und auch die chinesische Art, Latein auszusprechen, unterscheidet sich von der uns gewohnten Aussprache. In den ersten Tagen musste ich mich an die unterschiedlichen Akzente gewöhnen und meine Aussprache anpassen.“ Die Lehrer Milena Minkova und Terence Tunberg sprechen fließend Latein. „Es war schon eindrücklich. Sie konnten über jedes Thema auf Latein diskutieren, von Parkplatzanweisungen bis zum Wochenmenü.“ Am Anfang haben sie Texte wie die Tristia durchgenommen, eine Sammlung von Briefen des Dichters Ovid, um das Vokabular des Essens, des Wetters und des Reisens kennenzulernen. Schon bald wurde eifrig miteinander gesprochen und Uno, auf Latein Unum, gespielt. Besonders interessant ist es bei modernen Begriffen, für die das Latein keine Namen kennt. So werden Wörter wie Kaffee oft als das bezeichnet, was sie ursprünglich einmal gewesen sind, nämlich potio arabica, „arabisches Getränk“. Hinzu kommt, dass man sich auch auswärts, etwa in der Pizzeria, auf Latein unterhält, was so manche fragende Blicke hervorruft.

          Nebenbei hört sie lateinische Podcasts

          Das Sprechen sei ungewöhnlich. „So, als ob man Latein neu lerne.“ Vor allem, wenn es persönlich wird: „Das Latein kennt viele Möglichkeiten, über Freundschaft und Liebe zu sprechen, doch im Unterschied zu anderen Fremdsprachen sind wir es nicht gewohnt, die sonst auf Papier oder Inschriften geschriebenen Worte in zusammenhängenden Sätzen auszusprechen. So ist es eine Kunst, sie zur rechten Zeit griffbereit zu haben.“ Mit manchen Teilnehmern hält sie Kontakt und versteht lateinische Podcasts wie In Foro Romano, Satura Lanx oder Latinitium besser, die sie nebenbei anhört. Dabei wird auf Latein über aktuelle, historische oder literarische Themen diskutiert. Dass Latein doch eine tote Sprache sei, kann Graf nicht nachvollziehen: „Latein ist überall. In der Medizin, Biologie, Astronomie, Politik, Musik, Kunst und natürlich in den Sprachwissenschaften. Es ist einer der Grundbausteine unserer heutigen Welt.“ Sie lächelt: „Latein ist eben omnipräsent. – Übrigens auch ein lateinisches Wort.“

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