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Kult um ein Moped : Hochgefühle zwischen 848 Simsons

  • -Aktualisiert am

Ein Kultobjekt: Die Simson S51 Bild: Wikipedia

Tom Schubert liebt seine Simson und genießt die Fahrten durch Görlitz. Dabei konkurriert der 16 Jahre alte Mopedfahrer mit den Fahrern der Plastikroller.

          3 Min.

          Die Ampel ist rot. Aggressive Zweitakttöne rattern aus dem Auspuff eines giftgrünen Mopeds. Es ist die Simson von Tom Schubert aus Girbigsdorf bei Görlitz. Auf gleicher Höhe ein Jugendlicher auf einem modernen Automatikroller. Sein Motor, dessen Geräusch an eine Brotschneidemaschine erinnert, jault ebenfalls auf. Beide Fahrer schauen gespannt auf die Ampel, die auf Gelb umschaltet. Durch eine Görlitzer Straße schallen die kreischenden Töne der Motoren. Einige Fußgänger bleiben erstaunt stehen und beobachten, wie die Simson vom Typ S 51 davonzieht.

          Mit Riesenspaß durch Görlitz

          Mit leichtem Grinsen im Gesicht schließt Tom Schubert das Visier seines Helms, den er über seine rötlichen Locken gestülpt hat, und setzt seine Fahrt zur Arbeit fort. Dies sind schöne, aber seltene Erlebnisse, die jeden Simson-Fahrer freuen. Denn unter ihnen und den Fahrern der „Plastikroller“ besteht eine Art Konkurrenz. Der leidenschaftliche S-51-Fahrer Tom sagt: „Es macht einfach nur riesigen Spaß, mit solch einem Kultobjekt durch die Stadt zu fahren. Man kommt mit ihnen zügig voran. Des Weiteren lassen sich die Fahrzeuge, mit ein wenig Wissen, leicht reparieren, denn Ersatzteile werden auch heute noch hergestellt und sind im Vergleich zu Teilen anderer Kleinkrafträder günstig zu bekommen.“

          Auf die Fahrräder folgten Automobile

          Außerdem seien die Simsons die einzigen 50-Kubikzentimeter-Fahrzeuge, die im Straßenverkehr statt 45 zulässige 60 Stundenkilometer fahren dürfen, behauptet der angehende Kaufmann im Einzelhandel. Dabei liege der Benzinverbrauch bei gerade einmal 3,5 Litern auf 100 Kilometer. Die Firma Simson wurde 1856 von den jüdischen Brüdern Löb und Moses Simson im thüringischen Suhl gegründet. Zunächst produzierten sie Fahrräder. Anfang des 20. Jahrhunderts begann jedoch die Produktion von Automobilen, die teils auch im Rennsport erfolgreich waren.

          Ab dem 1. Januar 1968 hieß Simson nach dem Zusammenschluss mit dem VEB Ernst-Thälmann-Werk Suhl (einer Jagdwaffenfabrik) VEB Fahrzeug- und Jagdwaffenwerk Ernst Thälmann Suhl. Von da an wurden die Simson-Kleinkrafträder entwickelt und waren schon damals bei den Jugendlichen sehr beliebt. Im Jahr 2002 meldete das Unternehmen Insolvenz an, da es für die erneuten Entwicklungen in der Automobilbranche kein Kaufinteresse bei der Bevölkerung gab.

          Von immenser Lebensdauer

          In der Regel sind die Simson-Fahrzeuge, wie sie heute auf deutschen Straßen oft zu finden sind, Ende der achtziger Jahre entstanden. Die immense Lebensdauer zeugt von einer qualitativ hochwertigen Arbeit in der DDR. Natürlich ist auch eine Simson nicht vor kleineren Pannen geschützt. Es gibt eine Reihe von Firmen, die Ersatzteile liefern. Ein Geschäft, das derzeit jedoch viel mehr Profit erzielt, ist das Tuninggeschäft. „Nahezu jeder, der eine Simson besitzt, macht sich früher oder später Gedanken, etwas an der Optik oder Leistung zu verbessern“, sagt Tom Schubert.

          Namenhafte Tuningfirmen, wie Langtuning, Reichtuning und RZT, bieten Verbesserungen an Fahrwerk und Motor an, weisen jedoch auch auf ein Verbot im öffentlichen Straßenverkehr hin. Begeistert erklärt der Sechzehnjährige: „Die Fahrzeuge werden komplett auseinandergebaut und zu einem Rennmoped wieder aufgebaut. Dabei ist auf ein straffes Fahrwerk, Leichtbau und einen leistungsstarken Motor zu achten. Außerdem sollte so viel wie möglich auf SimsonBasis umgebaut werden.“ Diese hochgezüchteten Kleinkrafträder werden nur auf Rennstrecken eingesetzt oder auf den vielen Simson-Treffen zur Schau gestellt.

          Sommertreffen in Zwickau

          Eines der bekanntesten Treffen ist das Simson-Treffen in Zwickau im Sommer. „Es ist ein unbeschreibliches Gefühl, zwischen 848 Simsons zu stehen und aus jeder Seite die Motorengeräusche wahrzunehmen. Auf dem Platz herrscht eine heitere Stimmung. Es können die verschiedenen Umbauten oder auch originale Fahrzeuge bestaunt oder Beschleunigungsrennen durchgeführt werden. Außerdem kann die Leistung der getunten Motoren auf einem Prüfstand ermittelt werden. Das Highlight des Treffens ist die Ausfahrt durch Zwickau und Umland, bei der die gesamte Strecke durch die Polizei abgesperrt ist“, schwärmt Schubert.

          Es ist schwer zu sagen, wie sich das Phänomen Simson in den nächsten 20 bis 30 Jahren weiterentwickeln wird. Sicher ist, dass ein Kult, der nicht nur die jugendliche Bevölkerung ergriffen hat, so schnell nicht aussterben wird und die Fahrzeuge noch einige Zeit über Deutschlands Straßen rollen werden.

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