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Künstler des Informel : Die Richtung des Pinselschlags spüren

  • -Aktualisiert am

Bild: Claudia Weickert

Der Künstler Karl Otto Götz ist 95 Jahre alt und nahezu blind. Am Malen hindert das den willensstarken Mann nicht. Seine Bildformate sind mehrere Meter groß. Ein Atelierbesuch.

          4 Min.

          I am the BOSS.“ Vier Worte, mit der ein Modelabel für sich wirbt. Gedruckt auf die Hosenträger eines 95-Jährigen, der sich trotz seiner körperlichen Gebrechlichkeit gegen sein Alter und dessen Begleiterscheinungen stemmt. Karl Otto Götz sitzt am Esstisch in seinem in der kleinen Gemeinde Niederbreitbach-Wolfenacker im Westerwald gelegenen Haus, die Haltung gebeugt, die Augen geschlossen. Er trägt braune Pantoffeln, eine grüne Strickjacke und eine dunkelblaue Strickmütze, die seinen fast kahlen Kopf bedeckt. Neben ihm am Tisch sitzt seine 24 Jahre jüngere Frau, die Malerin Karin Götz, genannt Rissa. Die groß gewachsene Frau im dunklen Blazer sitzt aufrecht, die goldblonden Haare schulterlang. Das Paar umgibt ein heller, in Weiß gehaltener Raum, dessen Wände mit Bildern der beiden behangen sind. Da es gleich Mittagessen gibt, bindet Rissa ihrem Mann ein rotes Kinderlätzchen um den Hals. Die Essensreste auf dem roten Stoff belegen die Notwendigkeit dieser Handlung.

          Hellwacher Geist und großer Optimismus

          „Wie alt willst du werden, Ottochen?“ Auf die Frage seiner Frau entgegnet er, ohne zu zögern, „120!“ Hinter der gebrechlichen Fassade verbirgt sich ein noch immer hellwacher Geist und großer Optimismus. Das zeigt sich auch in der Art, wie Götz mit seinem Schicksal umgeht. Denn der 1914 in Aachen geborene Maler, der zu den richtungweisenden Künstlern der jungen Bundesrepublik wurde, ist fast blind. Als einer der Hauptvertreter der Kunstrichtung Informel, einer Art deutschem Pendant zum in den Vereinigten Staaten von Jackson Pollock begründeten „Action Painting“, vertrat er die deutsche Kunstszene auf den bedeutenden Ausstellungen für moderne Kunst, der Documenta in Kassel oder der Biennale in Venedig. Ab 1959 lehrte er zwei Jahrzehnte an der Kunstakademie in Düsseldorf, wo er zu seinen Schülern Gerhard Richter, Sigmar Polke, HA Schult, Gotthard Graubner oder seine spätere Frau zählte. Heute ist Götz mit seinem biblischen Alter einer der letzten noch lebenden Maler seiner Generation.

          Für andere wäre es eine Katastrophe

          Vor nun gut fünf Jahren erhielt er jene Diagnose, die wohl für jeden anderen Maler eine Katastrophe bedeutet. Sein Augenarzt teilte ihm mit, dass er an einer unheilbaren Krankheit leide, die zur beinahe vollständigen Erblindung führen werde. „Ich habe damals gar nicht darüber nachgedacht, ob ich dann noch malen kann, wenn ich blind bin“, sagt er in seinem Aachener Dialekt. So wie Ludwig van Beethoven auch fast taub noch große Musik komponiert habe, so könne er auch noch fast blind malen. Dass die Krankheit sein Leben nicht völlig verändert habe, liegt laut Götz einerseits an seiner speziellen Technik zu malen und andererseits an der Unterstützung durch seine Frau. Zuerst, so erläutert er, entstehe die Idee für ein Bild in seinem Kopf, die er dann als Skizze auf Papier festhalte. Diese frühe Phase im Bildprozess habe sich durch die Krankheit kaum verändert. „Hier läuft ein roter Zwerg vor meinem inneren Auge vorbei, oder ich sehe Pink und Striche und Punkte“, beschreibt er die Farbwahrnehmungen, die er seit Beginn seiner Krankheit habe. Auf diese Weise würde er auch die späteren Bilder vor seinem geistigen Auge sehen. Nur die Vorstudien seien „gröber, weniger differenziert“ geworden und nur noch mit dem Filzstift ausgeführt.

          Der Teil der Bildkontrolle

          Der zweite Arbeitsschritt sei der Malprozess an sich. „Beim Malen mache ich die Augen zu. Das ist mein großer Vorteil, dass ich auch früher schon mit geschlossenen Augen sehr schnell gemalt und gerakelt habe und danach erst das Bild kontrolliert habe.“ Auch damals schon habe er immer nur die Richtung des Pinselschlags gespürt, anstatt zu sehen. Diese Erfahrung helfe ihm heute. Nur den letzten Teil des Bildprozesses, den Teil der Bildkontrolle, könne er nicht mehr selber vornehmen. Früher habe er nach dem Malen die Augen geöffnet und sofort entschieden, ob das Bild gelungen ist oder es wieder verworfen wird. Diese Kontrolle müsse er heute Rissa überlassen, der er „zu 120 Prozent“ vertraue.

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