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Kriegsgräberpflege : Der Anblick der Gräber macht das Ausmaß des Krieges offensichtlich

  • -Aktualisiert am

Pflege tut not: Umgeworfene Grabsteine auf dem Soldatenfriedhof von Cambrai Bild:

Zahlen über Gefallene im Krieg bleiben im Geschichtsunterricht oft abstrakt. Das ändert sich, wenn junge Menschen auf einem Kriegsgräberfriedhof arbeiten. Auf dem deutschen Soldatenfriedhof im französischen Cambrai steht jedes Kreuz für zwei bis vier Tote.

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          Das Sonnenlicht fällt auf eine große grüne Wiese, auf der in Reihen geordnet weiße Steinkreuze stehen. Auf diesem deutschen Soldatenfriedhof in Cambrai, im Norden Frankreichs, liegen insgesamt 11 385 Soldaten, die im Ersten Weltkrieg gefallen sind, davon sind 10 685 Deutsche, sechs Rumänen, 192 Russen und 502 Briten. Der Friedhof wirkt ordentlich und gepflegt, obwohl der Rasen schon etwas länger ist und die Kreuze eine Schmutzschicht auf ihrer einst ganz weißen Oberfläche tragen.

          Eine Gruppe von 23 Jugendlichen zwischen 15 und 19 Jahren betritt den Friedhof, in den Händen halten sie große Wasserkanister sowie Eimer und Bürsten. Die Eimer werden mit Wasser aufgefüllt und zu den Grabsteinen getragen, dann beginnt die gemeinsame Arbeit. Die jungen Leute tauchen die Bürsten ins Wasser, um die Steine von Moos und Vogeldreck zu befreien.

          Opfer des Ersten Weltkriegs

          Jedes Jahr organisiert der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V. diese Workcamps, in denen junge Menschen dabei helfen, im In- und Ausland die Kriegsgräber und Gedenkstätten von Krieg und Gewaltherrschaft zu pflegen. Der Verein arbeitet im Auftrag der deutschen Bundesregierung. Er wurde 1919 gegründet und kümmert sich heute um etwa zwei Millionen Kriegsgräber auf 827 Friedhöfen von Frankreich bis Russland. Außerdem unterstützt er die Suche nach Gräbern und die Klärung der Kriegsschicksale von Angehörigen. Seit 1953 helfen jährlich 3000 Jugendliche bei der Arbeit auf den Friedhöfen unter dem Motto "Versöhnung über den Gräbern - Arbeit für den Frieden". Finanziert wird der Verein hauptsächlich durch Mitgliedsbeiträge und Spenden. Das zweiwöchige Workcamp in Cambrai findet jeden Sommer statt. Für 300 Euro können Jungendliche aus allen Bundesländern teilnehmen.

          Eingerichtet wurde der Friedhof von deutschen Truppen im März 1917, um die deutschen, französischen und britischen Männer zu beerdigen, die in den Lazaretten der Stadt ihren Verwundungen erlagen. Die meisten Toten stammen jedoch aus der Panzerschlacht von Cambrai im November 1917, bei dem durch einen britischen Angriff auf die Stadt, die von Deutschen besetzt war, und dem Masseneinsatz von etwa 400 Panzerkampfwagen viele Verluste auf beiden Seiten entstanden.

          Das Ausmaß des Kriegs wird dort offensichtlich

          "Als mein Vater mir die Broschüre der Kriegsgräberfürsorge gezeigt hat, war ich von der Idee, mich in den Ferien sozial zu engagieren, sofort begeistert. Es ist eine sinnvolle Arbeit, die Gräber zu pflegen, denn es muss jemanden geben, der dies macht. Nach einem Tag des Putzens kann einem aber auch schon einmal der Rücken weh tun, und besonders, wenn es so oft regnet wie in den letzten Tagen, ist die Arbeit im Freien unangenehm", erklärt die neunzehnjährige Annika Kock aus Kiel. Die junge Frau trägt einen weit sitzenden, grünen Pullover und hat sich ihr rotes, lockiges Haar zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden. In der einen Hand hält sie eine Bürste, mit der sie über den Stein wischt. "Ich habe mir dieses Workcamp ausgesucht, weil ich mich mit Frankreich verbunden fühle und außerdem meine Französischkenntnisse aufbessern möchte."

          Sie taucht die Bürste ins Wasser und bearbeitet weiter das graue Kreuz. "Die Zahlen der Toten, die wir im Geschichtsunterricht erfahren, bewirken alleine nicht viel, aber wenn man dann die Gräber in der Realität sieht, wird einem das ganze Ausmaß des Krieges offensichtlicher. Wenn ich bedenke, dass jedes Kreuz auf diesem Friedhof für zwei bis vier Tote steht, berührt mich die ungeheure Masse und wirkt erschreckend", sagt sie und streicht sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht.

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