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Kosovohilfe : Ins Korsett gebunden

  • -Aktualisiert am

Bild: Anke Kuhl, Labor Frankfurt

Der Krieg im Kosovo ist vorbei, aber die Kinder leiden ein Leben lang an ihren Verletzungen. Rehatechnik lindert das Leid der Schwerstbehinderten. Hilfe kommt aus dem Rheinland.

          Im Bezug auf die Versorgung schwerstbehinderter Kinder herrschen dort wirklich katastrophale Zustände, Hilfsmittel sind schlichtweg nicht vorhanden. Solch beengte, ja provisorische Zustände wären hierzulande nicht denkbar.“ Nachdenklich berichtet Thomas Mages von seinen Erfahrungen an der pädiatrischen Klinik im Nachkriegs-Sarajevo. Im Februar 2009 waren der 49-jährige Rehatechniker aus Leverkusen und die Gummersbacher Physiotherapeutin Nicole Babitsch zum ersten Mal für eine Woche unter dem Motto „Rollstühle für Sarajevo“ dorthin gereist. „Ziel war es, körperlich schwerbehinderte Kinder mit angemessenen und modernen Hilfsmitteln auszustatten sowie die Therapeuten der Kinderklinik in der korrekten Hilfsmittelversorgung zu schulen.“

          Schnell fanden sich Sponsoren

          Die Idee für das Projekt entstand vor zwei Jahren, als Nicole Babitsch bei einem Verwandtenbesuch in Sarajevo Ajsa Mehiljic, Rehabilitationsärztin der dortigen Klinik, kennenlernte. Mehiljic berichtete von der Versorgung behinderter Kinder, die bis dahin lediglich darin bestand, diese in ein Korsett zu binden, so dass sie dann von ihren Eltern getragen werden konnten. Schockiert von den Zuständen 13 Jahre nach Ende des Bosnienkrieges, suchte Nicole Babitsch nach Sponsoren für ein Hilfsprojekt. Sie arbeitet als selbständige Physiotherapeutin und stellt selbstentwickelte Therapietische für behinderte Kinder her. Unerwartet schnell wurden viele Sponsoren gefunden: Unternehmen spendeten Material, eine Spedition erklärte sich bereit, die Transportkosten zu übernehmen, Privatpersonen und ein Gymnasium spendeten Geld für Zollgebühren und Übergepäck.

          Sohn eines Bandagistenmeisters

          Auch Thomas Mages sagte seine Hilfe zu. Der Sohn eines Bandagistenmeisters arbeitet im Außendienst einer Heidelberger Firma für Kinderrehatechnik. „Es ist eine sehr erfüllende Aufgabe, Menschen, speziell Kindern, zu helfen und ihnen ein bisschen Lebensqualität schenken zu können.“ An Stelle einer Werkbank musste in Bosnien der Boden als Arbeitsplatz herhalten, Improvisation war gefragt. „Manche Hilfsmittel haben wie angegossen gepasst, andere wiederum mussten wir in aufwendigen Verfahren so umbauen, dass sie auf die Kinder passten.“

          Die glücklichen Kinder zu sehen, die sich in einem Rollstuhl zum ersten Mal selbständig bewegen konnten, sei etwas Besonderes gewesen. Dennoch war die Klinikverwaltung zunächst sehr skeptisch. Bisher hatten Spenden „aus Containern mit alten Rollstühlen bestanden, die dann einfach vor der Eingangstür abgestellt wurden“, erklärt Mages. „Man war doch sehr überrascht von den Geräten, die wir mitbrachten: alles qualitativ hochwertige und gut erhaltene Hilfsmittel, die man in Bosnien wohl so noch nicht gesehen hatte.“

          Eine Therapeutin hospitiert in Köln

          Auch einige Eltern seien anfangs nicht sehr angetan gewesen. Eine Mutter brach sogar in Tränen aus, als sie ihr Kind in einem Rollstuhl sah. „Es schien, als wäre ihr erst in jenem Moment komplett bewusst geworden, dass ihr Kind schwerstmehrfachbehindert ist und nicht an irgendeiner eventuell heilbaren Krankheit leidet.“ In diesem Jahr wurden erneut Kinder mit Hilfsmitteln ausgestattet. Ein weiterer Besuch ist für Februar geplant. Langfristig soll das Klinikpersonal befähigt werden, die Hilfsmittel selbst anzupassen. So hat eine bosnische Physiotherapeutin in Köln hospitiert, weitere Hospitationen sind geplant. Dadurch müssten langfristig gesehen nur noch Materialspenden erfolgen.

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