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Klassenmusizieren : „Musik ist ein Stück Seele“

  • -Aktualisiert am

Bild: Andrea Koopmann

Klassenmusizieren kommt immer mehr in Mode. So wie in der Görlitzer Musikschule „Johann Adam Hiller“. Aber es gibt auch kritische Stimmen.

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          Klassenmusizieren in der Musikschule „Johann Adam Hiller“ Görlitz. 75 Fünftklässler stürmen die Treppe hinauf. „Hast du mein Notenblatt gesehen?“, fragt die aufgeregte Julia ihren Klassenkameraden Johannes. „Eben lag es doch noch hier!“ Bei so vielen Kindern kann es schon mal passieren, dass eine Note verschüttgeht – oder der Geigenbogen oder aber das Trompetenmundstück zu Haus vergessen wird. Dennoch: Diese Kinder hier, die vor zwölf Wochen mit dem Musizieren im Klassenverband begonnen haben, machen alle den Eindruck, mit großem Eifer bei der Sache zu sein.

          Seit einigen Jahren wird an Schulen und Musikschulen eine Form des gemeinschaftlichen Musizierens praktiziert, die unter dem Begriff „Klassenmusizieren“ bekannt ist. Die Schüler lernen das Musizieren auf Blas-, Streich- oder Schlaginstrumenten vom ersten Takt an „im Orchester“. Görlitzer Grundschulen und Gymnasien haben mit der Musikschule am Fischmarkt das Projekt auf den Weg gebracht. Alle Schüler einer Klasse lernen ihre Instrumente gemeinsam im regulären Musikunterricht. Klassenmusizieren wendet sich an alle Kinder, auch an solche, die aufgrund ihrer sozialen Herkunft ansonsten eher nicht den Weg zum Instrument finden.

          Talente nicht verprellen

          Iris Rothmann, 46 Jahre alt und Musiklehrerin am Joliot-Curie-Gymnasium in Görlitz, ergriff die Initiative und bat die Musikschule „Johann Adam Hiller“ um Mithilfe. Gemeinsam erarbeiteten sie ein Konzept, das vorsieht, allen Fünftklässlern ein Jahr lang die Möglichkeit zu geben, ein Instrument zu erlernen. Die Kinder können zwischen Streich- und Blasinstrumenten wählen. Begeistert berichtet Iris Rothmann von ihren Kleinen, die innerhalb dieser kurzen Zeit einfache Stücke einstudieren, die sie dann am Ende des Schuljahres vor Eltern, Großeltern und Freunden darbieten. Sie lernen in Registergruppen von fünf bis fünfzehn Schülern, um dann im „großen Orchester“ zu spielen. Das Projekt möchte die Instrumente vorstellen, den Musikunterricht lebendiger gestalten und das Zusammengehörigkeitsgefühl in der Gemeinschaft entwickeln.

          Ganz anders ist der pädagogische Ansatz beispielsweise in der Musikschule „Via Regia“ in Görlitz. Die Leiterin dieser Musikschule, die Diplom-Klavier- und Musikpädagogin Ljudmila Büchner, sagt: „Begabung ist einmalig und muss auch dementsprechend behandelt werden. Auf diese Weise, mit dem Klassenmusizieren, können auch Talente verprellt werden. Musik, das ist doch ein Stück Seele. Dem kann ich im Klassenunterricht kaum gerecht werden.“ Die 57-Jährige weiß, wie schwierig es ist, für jedes Kind die richtige Methode zu finden, um ihm die Liebe zur Musik nahezubringen.

          Nachwuchs im Posaunenchor

          Das Klassenmusizieren am Curie-Gymnasium findet im Rahmen des Unterrichts statt. Die Kinder verlassen dazu einmal pro Woche den Klassenraum und gehen gemeinsam in die Musikschule, um dort Musik praktisch zu erleben. Die Meinungen zum Thema Klassenmusizieren sind durchaus sehr unterschiedlich. Bettina Gilbert, Mutter der Zwillinge Elisa und Tabea, die nach einem Jahr Klassenmusizieren in der Nachwuchsgruppe eines Posaunenchores weitermachen, empfindet das Jahr Klassenmusizieren als verschenkte Zeit. Die 38-jährige Buchhalterin hält es für sinnvoller, gleich richtig mit dem Instrumentalunterricht zu beginnen. „Die Kinder konnten sich ihr Instrument nur bedingt aussuchen – und es war durchaus kein Hörgenuss.“

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